Homöopathie, Grundlagen und Praxis
von Gypser, Dr. med. K.H.
Vorwort:
Die Homöopathie, deren 200jähriges Bestehen 1996 weltweit gefeiert wurde, war von jeher einem wechselvollen Schicksal zwischen den Extremen höchster Verehrung und tiefster Ablehnung unterworfen. Dabei blieb die Sache selbst, nämlich hinreichendes Verständnis und angemessene Erörterung ihrer Grundprinzipien und Möglichkeiten, nicht selten auf der Strecke. So begnügten sich einerseits homöopathische Ärzte oft mit dem Hinweis auf ihre erfolgreiche Praxis und übersahen dabei die Notwendigkeit, einer vom naturwissenschaftlichen Denken zumeist ungesehen beherrschten Welt den fundamental anderen Ansatz ihrer Therapiemethode deutlich zu machen. Andererseits erschwerten Vertreter der Naturwissenschaft, die sich allein im Besitz allen sicheren Wissens glaubten und jegliche andere Sichtweise der Welt und ihrer Men-
schen des Irrationalismus verdächtigten, eine fruchtbare Auseinandersetzung erheblich. Hier beiden Seiten wenigstens im groben Umriß zu zeigen, wo sie eigentlich stehen, gehört mit zu den Anliegen dieser Schrift.
Infolgedessen nimmt auch die Darstellung der Grundlagen der Homöopathie und der sich als Naturwissenschaft verstehenden herrschenden Universitätsmedizin den meisten Raum ein. Um jedoch nicht gänzlich im weniger Anschaulichen zu verweilen, wird im weiteren Verlauf patientenbezogen die Vorgehensweise des homöopathischen Arztes gezeigt. Dies kann allerdings nicht so weit reichen, daß daraus eine regelrechte Ausbildung oder gar eine ohnehin fragwürdige Anleitung zur Selbstbehandlung resultieren.
Die Entdeckung der Homöopathie fiel in die Lebzeiten von Goethe, Schiller, Hölderlin, Beethoven, Kant und Hegel, der ihr sogar eine Passage seiner "Naturphilosophie" widmete. Gegen Mitte des vergangenen Jahrhunderts befanden sich homöopathische Leibärzte in den Diensten von nicht weniger als 22 gekrönten Häuptern. Als prominentestes Beispiel kann das englische Königshaus gelten, das diese Tradition bis heute fortsetzt. Die Großen der Welt aus den verschiedensten Bereichen standen in homöopathischer Behandlung wie etwa die Rothschilds oder N. Paganini, J. D. Rockefeiler oder J. Krishnamurty. Zu ihren Fürsprechern zählten Gandhi ebenso wie Napoleon, der sie, auf Elba homöopathisch geheilt, als "die wesentlichste Entdeckung seit der Erfindung der Buchdruckerkunst" bezeichnete. (Baumann 1857.15)
Aus diesen wenigen Angaben, die sich mühelos vermehren ließen, ist schon zu ersehen, daß es sich mit der Homöopathie nicht um eine der vielen kommenden und gehenden Moden der Medizin handelt, sondern um eine Heilweise, die der Möglichkeit menschlichen Heilens überhaupt auf den Grund gegangen sein muß und somit zu Recht eine freilich noch längst nicht voll erkannte Sonderstellung innehat.
Die Homöopathie ist im übrigen keine eigenständige Medizin, sondern sie nimmt einen Platz in deren Reihen ein. So zielt ihre landläufige Einordnung als Alternativmedizin an der Sache vorbei, denn sie verfügt beispielsweise über keine eigene Anatomie, Hygiene oder Chirurgie. Sie könnte allenfalls als Alternativtherapie bezeichnet werden, wenn man das dominante naturwissenschaftlich-empirische Behandlungsverfahren
als maßgeblichen Bezugspunkt wählt.
Es bleibt zu hoffen, mit diesem knappen Abriß zum Verständnis einer wahrhaft humanen Behandlungsmethode, das hier keine medizinischen Kenntnisse erfordert und dem das anhängende Glossar entgegenkommen soll, beitragen zu können. Dabei wird eine unvoreingenommene Geisteshaltung die Auffassung der in diesem Buch erläuterten Sachverhalte beträchtlich erleichtern. Echte, d. h. sachbezogene Kritik, in der sich der Kritiker als jemand ausweist, der die Sache verstanden hat, ist natürlich stets willkommen. Diesbezüglich scheint der Hinweis angebracht, die mahnenden Zeilen Goethes zu beherzigen:
"Daran erkenn' ich die gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr;
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das meint ihr, gelte nicht! "
Auf weiten Strecken der Manuskriptentstehung war Herr Prof. Dr. E. Fräntzki/Aachen ein unersetzlicher Ansprechpartner. Für seine vielfältigen Ratschläge sei ihm an dieser Stelle besonders gedankt. Die Herren Dr. Dr. T. HelflAndernach, Dr. M. SchindlerlNiederfischbach sowie Prof. Dr. Dr. H. Schott/ Bonn leisteten während eines gemeinsamen Gesprächsnachmittags dankenswerte Beiträge zum Grundlagenteil. Überlegungen zur Grundposition der Naturwissenschaft sind auch Herrn Klaus Graebig/Berlin zu verdanken. Dem Verlag gebührt Dank für die angenehme Zusammenarbeit und hier vor allem Herrn Dr. S. Meyer für seine Geduld, mit der er der Manuskriptabgabe entgegensah.
Glees, im Frühjahr 1998 Dr. med. Klaus-Henning Gypser