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Die hereditären chronischen Krankheiten Band 1

von Laborde, Y. / Risch, G.  
Leseprobe:
Teil I

Die Entwicklungsgeschichte der Lehre von den chronischen Krankheiten bis zu den hereditär-chronischen Krankheiten

von Gerhard Risch

Dr. S. HAHNEMANN, der Entdecker und Begründer der Homöopathie, hat mit der Erstellung seiner Lehre von den chronischen Krankheiten eine Revolution in der medizinischen Wissenschaft begonnen, deren umwälzende Bedeutung in der offiziellen Medizin so gut wie gar nicht und selbst innerhalb der Homöopathie nur sehr wenig verstanden wird. Und doch lassen sich mit Hilfe dieser Lehre alle Phänomene von Krankheit sowohl erklären als auch therapieren.

Als er 1779 seinen Doktorhut auf der Universität Erlangen erworben hatte und in den Beruf des Arztes eintrat, kannte die damalige medizinische Welt nur eine Krankheit, die sie als "chronisch" bezeichnete: die "venerische Krankheit". Sie wurde auch Syphilis, Lustseuche, Morbus gallicus, usw. genannt. Unter diesen Namen wurden alle Erscheinungen von Syphilis und Gonorrhoe zusammengefaßt, die man noch nicht als zwei verschiedene Erkrankungen erkannt hatte. Die meisten medizinischen Autoritäten verstanden den Schanker und den Tripper als eine rein lokale Erkrankung, die man (mit meist drastischen Mitteln) schnellstens therapieren mußte, damit es nicht zur sogenannten "zweiten Ansteckung" kommt. Diese trat - nach damaliger Vorstellung - auf, wenn die "idiopathischen Gifte" in den allgemeinen Blutkreislauf gelangt waren, und sie wurde als die eigentliche venerische Krankheit, Lustseuche, Syphilis bezeichnet. Und dies war dann erst die gefürchtete chronische Krankheit, denn sie schritt unaufhaltsam voran und endete in fürchterlicher Destruktion des Organismus. Keine andere Krankheit konnte den Menschen so verunstalten und zerstören - sie konnte sogar die Knochen zerfressen. Und in der damaligen Zeit waren diese Zerstörungen auch für die Öffentlichkeit sichtbarer als heute: die fressenden Geschwüre, die typischen Hautausschläge, die zerstörten Gesichtsknochen, die Lähmungen, die mentalen und psychischen Veränderungen konnten noch nicht so verborgen oder korrigiert werden wie heute. Neben chirurgischen Maßnahmen und einigen wenigen (manchmal geradezu abenteuerlichen) inneren Mitteln kannten die meisten medizinischen Autoritäten als Hauptmittel nur das Quecksilber, das man einsetzte, weil man mit seiner Hilfe die Gifte" und "krankmachenden Stoffe" ausleiten wollte, denn es erzeugte Erbrechen und Durchfälle, starke Schweiße und erheblichen Speichelfluß. Über diese "Entleerungen" hoffte man, das "venerische Gift" aus dem Körper zu bekommen.
Um diese Effekte zu erreichen, griff man oft zu - heute fast nicht mehr vorstellbaren - Mengen bei der Dosierung, so daß es vorgekommen sein soll, daß bei Leichenöffnungen Quecksilbertropfen aus den Adern rannen. Und es sind sicher viele Menschen an einer Quecksilbervergiftung gestorben, noch bevor der syphilitische Tod sie ereilt hätte. Aber trotz all dieser drastischen Maßnahmen konnte niemand die venerische Krankheit heilen, sie schritt immer mehr oder weniger schnell voran, und der Mensch endete immer in der Destruktion.

Kein Arzt, dem es wirklich um das Heilen kranker Menschen ging, kam an diesem Thema vorbei. Es wird in den üblichen Biographien HAHNEMANNs zumeist übersehen, daß auch für ihn die "venerische Krankheit" Gegenstand eifriger Forschung und Therapie gewesen sein muß, und zwar von Anfang an. Bereits drei Jahre nach Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit veröffentlichte er einige kleinere Abhandlungen in Kreb's Medicinische Beobachtungen (1782). DUDGEON schreibt dazu: Ich war nicht in der Lage, sie mir zu beschaffen, aber aus einem Hinweis in dem nächsten Werk ["Anleitung, alte Schäden und faule Geschwüre gründlich zu heilen", Leipzig 1784] kann ich feststellen, daß eines von ihnen sich mit einer Methode beschäftigt, wie man den Speichelfluß schon bei seinem Beginn stoppen kann, wahrscheinlich mit Hilfe von Hepar sulfuris oder Schwefelwasserstoff-Gas, wie es in den Venerischen Krankheiten beschrieben wird. (Dudgeon, S. VIII). Und so sehen wir also HAHNEMANN schon gleich zu Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit mit der Syphilis und ihrer Behandlung beschäftigt.
Daß dies nicht nur nebenbei geschehen sein kann, sondern ein Hauptthema seiner ersten 10 Jahre als Arzt gewesen sein muß, geht daraus hervor, daß er 1789 ein Buch mit dem Titel " Unterricht für Wundärzte über die venerischen Krankheiten " veröffentlichte, das mehr als den doppelten Umfang des späteren Organon hatte (das Organen in der 6. Auflage hat 291 Paragraphen, der "Unterricht für Wundärzte..." 693!), und das den Anspruch erhob, "das praktizierende Publikum" mit "gesunder Theorie" und "geläuterter Behandlung" über die venerischen Krankheiten zu belehren (Unterricht, S. 2). Und 1790 gab er nochmals eine kleine Abhandlung mit dem Titel "Mittel, dem Speichelfluß und den verwüstenden Wirkungen des Quecksilbers Einhalt zu thun" (J.Fr. Blumenbachs medic. Bibliothek, Bd. III., 543-548, zit. bei Haehl II, S. 27) heraus - abermals ein Zeugnis dafür, daß die venerische Krankheit ihn außerordentlich beschäftigte. Aus allen drei Schriften geht hervor, daß HAHNEMANN von Anfang an die damals gängige Praxis schärfstens ablehnte, das Quecksilber zur Ausschwemmung des "venerischen Giftes" einzusetzen. Obwohl für ihn Mercurius bis an sein Lebensende das Spezifikum gegen die Syphilis blieb, kämpfte er ebenso lange gegen die Art und Weise, wie die offizielle Medizin ihn einsetzte! Wir werden gleich sehen, daß er noch vor 1790! - einen besseren Weg gefunden hatte.

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