Erste Hilfe durch Homöopathie
von Ratera i Mateu , Manuel
Vorwort:
Editorische Notiz des Herausgebers
Allgemeine Hinweise zur Ersten Hilfe
Dieses Buch beschreibt ausführlich, in welchen Situationen und bei welchen Beschwerden und Erkrankungen die Homöopathie zu helfen im Stande ist, wobei es sich sowohl an den homöopathischen Laien, wie an homöopathisch Geschulte wendet.
Die Behandlung von Erkrankungen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, gilt es doch, Leiden zu mindern und gegebenenfalls gar lebensgefährliche Situationen abzuwenden. Daher möchten wir hier betonen, daß es - wie hilfreich die Homöopathie auch immer sein kann - vor jedem Einsatz homöopathischer Arzneimittel genau abzuwägen gilt, was im gegebenen Augenblick für den Erkrankten bzw. Verletzten das Beste ist. Folgende Fragen dienen als Orientierungshilfe bei der Entscheidung, was zu tun ist:
o Wie lebensgefährlich ist die Situation?
o Wie chronisch ist eine Beschwerde? (z.B. Spätfolgen von Verletzungen)
o Wie genau kann ich die Situation beurteilen?
o Wie schnell müssen geeignete Maßnahmen wirksam werden? Wie viel Zeit steht zur Verfügung?
o Wie groß ist das Risiko, ein ungeeignetes Arzneimittel zu geben? Finde ich in dem Buch ein genau passendes Arzneimittel beschrieben?
o Bin ich der Situation gewachsen oder sollte besser ein Fachmann (Notarzt, Homöopath etc.) herangezogen werden?
Wenden Sie sich immer an einen Fachmann, wenn Sie Zweifel haben, ob Ihre Kenntnisse ausreichen, dem Betroffenen in geeigneter Weise zu helfen.
Achten Sie auf die Warnhinweise und Ratschläge im Buch! (Sie erkennen sie am Ausrufezeichen am Rand.)
Fall Sie noch nicht mit der Homöopathie vertraut sind
Am Ende des Buches finden Sie das Kapitel "Einleitende Bemerkungen zur Homöopathie". Wir empfehlen, nach der Einleitung des Autors "Wie alles begann" zunächst dieses Kapitel zu lesen. Hier finden Sie die Grundlagen der Homöopathie beschrieben.
Zum Aufbau des Buches
Das Buch besteht aus fünf Teilen:
o Teil 1: Unfälle und Krankheiten. Hier werden die verschiedenen Beschwerden und die in Frage kommenden Maßnahmen und homöopathischen Arzneimittel beschrieben.
o Teil 2: Die homöoopathische Reiseapotheke und ihr Inhalt. Hier finden Sie Zusammenstellungen der Arznei- und Hilfsmittel, die in einer Reiseapotheke enthalten sein sollten, je nach dem, ob Sie "Fachmann" sind oder nicht und entsprechend dem Einsatzbereich (z.B. für Expeditionen).
o Teil 3: Die homöopathische Materia medica. Die Beschreibungen der einzelnen Arzneimittel und ihrer Anwendungsgebiete.
o Teil 4: Die Schnellübersicht. Hier finden Sie Kurzbeschreibungen des im Teil 1 Gesagten zum schnellen Nachschlagen.
o Teil 5: Einleitende Bemerkungen zur Homöopathie. Wie bereits gesagt: eine Einführung in die Homöopathie.
Zur Gestaltung
o Listen von Arzneimitteln und Maßnahmen beginnen immer (wie hier) mit einem Punkt.
o In Frage kommende Arzneimittel sind fett gedruckt.
o Zitate sind in etwas kleinerer Schrift dargestellt.
o Lagen deutsche Übersetzungen der Quellen vor, so wurden sie übernommen, englische Quellen wurden gegebenenfalls von Peter Vint übersetzt.
Besonders wichtige Stellen sind mit einem großen "!" gekennzeichnet.
Wie alles begann...
Als mein Freund Dr. Salvador Cabré eines Tages bei mir zu Hause anfing, mir eine neue medizinische Methode namens Homöopathie zu erläutern, wurde ich neugierig. Meine starr vorgefertigte medizinische Universitätsausbildung machte mich aber auch skeptisch. Trotz allem setzte sich aber die Neugier gegenüber der Skepsis durch und ich schickte mich an, herauszufinden, ob all das, was ich gehört hatte, der Wahrheit entsprach oder nur auf Spekulationen beruhte. Damit begann mein Interesse für diese für mich damals neue, homöopathische Medizin. Das war zu Anfang der achtziger Jahre.
Verzweifelt suchten wir zu der Zeit nach einem Mittel zur Behandlung der immer wieder auftretenden Angina unseres zweijährigen Sohnes Marc. Sogar Antibiotika hatte man ihm in beträchtlichen Mengen verabreicht. Ohne Erfolg. Enttäuscht von diesen wiederholten Rückschlägen beschlossen meine Frau Pilar und ich, es mit einer homöopathischen Behandlung zu versuchen. So gelangten wir schließlich in die Praxis von Dr. Isidre Lara in Girona (Katalonien). Nach einer ausführlichen Krankengeschichte verschrieb Dr. Lara unserem Sohn ein Mittel namens Silicea; es war äußerst niedrig, also homöopathisch dosiert. Ich weiß noch, wie ich damals zu mir selbst sagte: "Das kann doch gar nichts nützen", denn in meiner eigenen Praxis arbeitete ich mit deutlich höheren Dosierungen, nach dem Prinzip "je höher die Dosis, desto größer die Wirkung", bzw. "je niedriger die Dosis, desto geringer die Wirkung".
Im Laufe der folgenden Tage aber zeigten sich überraschende Wendungen: am nächsten Morgen hatte Marc Fieber, klagte wieder über Halsschmerzen, doch gegen Abend setzte eine Besserung ein. Zwei Tage später war er fieberfrei und hatte wieder Appetit. Ab dann besserte sich sein Zustand zusehends, bis hin zu einer viermonatigen Phase ohne die geringsten Anzeichen von Angina. Danach hatte er kurzzeitig
wieder Temperatur, die aber durch die erneute Anwendung von Silicea auf höchstens zwölf Stunden beschränkt blieb. Dann war er wieder gesund, konnte auch wieder mit den anderen spielen. Ich war verblüfft! Anscheinend war im Abwehrsystem meines Sohnes wirklich eine Veränderung eingetreten. Sein Immunsystem war positiv beeinflußt worden, und das konnte kein reiner Zufall sein. Welche wundersame Wirkung hatte diese winzigkleine Dosis Silicea nun auf meinen kleinen Sohn ausgeübt?
Meine Neugier verwandelte sich in den festen Vorsatz, ja die moralische Verpflichtung, diesen Fragen weiter nachzugehen. Als Arzt mußte ich einfach herausfinden, wie die Medizin funktionierte, die die Tendenz meines Sohnes zum Erkranken derart verändert hatte.
Wenn ich heute an diese Zeit denke, wird mir klar, daß Veränderungen im Leben nicht bloßer Zufall sind, sondern in entscheidenden Phasen eintreten, in denen wir für neue Lebenserfahrungen reif und offen sind. So begann ich meine homöopathischen Studien an der "Academia Médico Homeopática" in Barcelona, wo ich das Glück hatte, von Dr. Tomás Pablo Pachero aus Argentinien und Dr. Proceso Sánchez Ortega aus Mexiko unterrichtet zu werden; beide sind Förderer und herausragende Vertreter der homöopathischen Schulen ihrer Heimatländer. Ich kam mit den von Jacques Imberechts geleiteten Forschungsgruppen von "Homeopatía Europea" in Kontakt und konnte später ein Postgraduiertenstudium an der Homöopathischen Fakultät London durchführen.
Um das Jahr 1983 wurde ich während eines Seminars der "Homeopatía Europea" auf eine Reihe homöopathischer Mittel aufmerksam, die als "ausgezeichnet und hochwirksam" für die Behandlung von Traumata, Unfallverletzungen, Verbrennungen und anderen Verletzungen galten. Damit begann mein Interesse an der homöopathischen Behandlung von Unfallverletzungen.
Nach und nach begriff ich die vollkommen andere Behandlungsweise der Homöopathie im Vergleich zur Schulmedizin: während letztere versucht herauszufinden, in welcher mikroskopisch kleinen Veränderung die Krankheit des Patienten liegt, strebt die Homöopathie nach einer ganzheitlichen Erfassung seiner Lage, sieht ihn als Menschen in einem spezifischen Umfeld, ohne darüber sein spezifisches körperliches Leiden, seine Gefühle und seine funktionellen Charakteristiken zu vernachlässigen. Während die Schulmedizin Medikamente zur Beseitigung der Symptome einsetzt und dabei zahlreiche, manchmal sogar gefährliche Nebenwirkungen in Kauf nimmt, arbeitet die Homöopathie mit kleinen Dosierungen von Mitteln, die die Abwehrkraft des Organismus anregen. Nebenwirkungen treten nicht auf. Homöopathische Arzneimittel sind damit nicht nur wesentlich ökonomischer in der Anwendung, sondern regen den Organismus durch einen tiefgreifenden und dynamischen Prozeß erfolgreich zur Selbstheilung an. Dieser Vorgang läßt sich mit einer "maßgeschneiderten" Impfung vergleichen.
So begann ich in meiner täglichen Praxis in der Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus von Igualada, nahe Barcelona, selbst mit der Verschreibung homöopathischer Arzneimittel. Die Ergebnisse waren so positiv, daß ich immer mehr über homöopathische Mittel und Anwendungsverfahren wissen wollte. Hier drei besonders überraschende Fälle:
"Francisco, 28, ein junger Homosexueller, wurde mit Hepatitis C (damals nannte man sie "Non-A-Non-B-Hepatitits") in unser Krankenhaus eingeliefert. Das Bilirubin und die Transaminasen lagen ein Zehnfaches über dem Normalwert. Neben den üblichen Symptomen - Müdigkeit, Appetitlosigkeit, erhöhte Temperatur, Gewichtsverlust, der bekannten Gelbfärbung der Haut (Gelbsucht) und dunklem Harn - war Francisco sehr aufgewühlt, schlecht gelaunt und neigte zu Gefühlsausbrüchen mit auffälliger Gestik. Beim geringsten Widerspruch wetterte er gegen Angehörige und Freunde, drohte mit Flucht aus dem Krankenhaus. Dann wieder saß er oft reglos da und zupfte an seinem Bettbezug. Auf
mein Nachfragen gestand er mir, eine Enttäuschung in Liebesdingen erlebt zu haben. Aus Eifersucht hatte er heftig mit seinem Freund gestritten. Dieses Gefühl, so Francisco, mache ihn rasend. Bei Betrachtung dieser besonderen Symptome kam nur ein Mittel in Frage: Hyoscyamus. Eine einzige Gabe davon veränderte sein Krankheitsbild von Grund auf: Am folgenden Tag war er wesentlich ruhiger, dachte nicht mehr an Flucht und unterließ auch das auffällige Falten des Bettbezuges. Nach einer Woche waren die Transaminasen und das Bilirubin auf das Zweifache des Normalwertes gesunken und nach einem Monat, drei Wochen nach seiner Entlassung, war der Normalzustand wieder erreicht."
Dieser Fall hat mich tief beeindruckt, doch leider verlor ich den Patienten aus den Augen. So konnte ich nicht erfahren, ob die Besserung nachhaltig war, er einen Rückfall erlitten hatte und was sonst aus ihm wurde. Acht Jahre später begegnete ich ihm zu meiner Überraschung wieder: er arbeitete als Kellner und sah blendend aus. Er erklärte mir, daß er seitdem beschwerdefrei sei und war mit einer neuerlichen Untersuchung der Leberfunktion einverstanden. Die Transaminasen, der biologische Indikator für den Grad der Leberschädigung, waren nach wie vor normal. Seitdem konnte ich bei allen von mir behandelten Fällen von Hepatitis zu meiner großen Zufriedenheit eine deutliche Besserung der Zustandes des Kranken bis hin zur völligen Normalisierung der Transaminasewerte feststellen.
"Der zweite und der dritte Fall, von dem ich hier berichten möchte, ereigneten sich in einem Sommer. Als Berater für Innere Medizin der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses hatte ich bei Abwesenheit des diensthabenden Psychiaters dessen Patienten gelegentlich auch direkt zu betreuen. Da konsultierte mich einer unserer Gynäkologen. Eine im achten Monat schwangere Frau hatte versucht, sich in der Toilette durch Erhängen das Leben zu nehmen. Der Fall war klar: durch schwere Schwangerschaftsdepression ausgelöster Selbstmordversuch. Nachdem man die Patientin mit Erfolg wiederbelebt hatte, verabreichte man ihr Antidepressiva, was aber während der nächsten zwei Tage zu keiner Besserung führte. Ich analysierte den Fall in Absprache mit dem Kollegen
und verschrieb der Patientin das homöopathische Mittel Sepia in der üblichen Dosierung (die Antidepressiva waren zuvor abgesetzt worden). Am folgenden Tag überraschte uns die Patientin mit deutlich besserer Laune. Sie war gesprächsbereiter, ruhiger und begann allmählich, sich der Gefährlichkeit ihrer früheren Situation bewußt zu werden. Der Fötus befand sich nun aber noch in Steißlage, also mit dem Gesäß voraus. Eine Woche später konnte die Frau entlassen werden. Nach Ablauf des neunten Monats wurde sie dann ins Krankenhaus eingeliefert und brachte ein gesundes Kind zur Welt. Noch im letzten Schwangerschaftsmonat hatte sich das Kind im Mutterleib gedreht und wurde mit dem Kopf voraus geboren, was in dieser späten Phase nicht oft vorkommt.
Während der folgenden zehn Jahre erlitt die Patientin nie wieder eine solche Krise und erinnert sich dankbar an den behandelnden Arzt und an das Umdenken, das diese Episode bei ihr bewirkte. Ein Wandel des Gesundheitszustandes und der Prognose wie er bei dieser Patientin erfolgte, rechtfertigt schon alle Anstrengungen und alle Mühen des Arztberufes."
"Der dritte Fall ereignete sich im selben Sommer. Wieder handelte es sich um eine Frau im achten Monat, die gegen ihren Willen vom Notarzt hatte eingeliefert werden müssen. Diagnose: Beginnende Psychose mit Verfolgungswahn. Die ungewöhnlich aggressive Patientin ließ niemanden zu Wort kommen und behauptete unaufhörlich, sie würde verfolgt und ihr Mann versuche, sie zu vergiften. Freilich verweigerte sie auch jegliche Einnahme von Medikamenten, ob oral oder intravenös, und man hatte sie nur nach langem Zureden einliefern können. Derselbe Gynäkologe bat mich, auch ihr das am geeignetsten Erscheinende zu verschreiben. Wir weihten die Krankenschwestern ein und lösten das homöopathische Mittel Lachesis in einer Flasche Wasser auf, die man der Patientin ans Nachtkästchen gestellt hatte. Diese befand sich in einem Zustand solcher Verwirrung, daß sie ihre Gefühle nur schwer zügeln konnte, trank jedoch mehrere Male vom Wasser aus jener Flasche. Am folgenden Tag war sie deutlich ruhiger und zumindest kurzzeitig einem Gespräch zugänglich, verlor aber nach wie vor die Beherrschung, wenn die Rede auf das Verfolgtwerden kam. Nach zwei Tagen jedoch hatte sich die Lage deutlich gebessert. Bei der Visite fand ich sie mit ihrer Tochter beim Zeichnen vor. Sie strahlte eine Ruhe aus, die bis vor kurzem bei ihr
schwer vorstellbar gewesen wäre. Wenige Tage später wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen und wartete nun zu Hause auf den Tag der Entbindung.
Ein paar Jahre nach diesen Erlebnissen half ich meinem Freund Dr. Anton Rañé bei der Zusammenstellung der Reiseapotheke der katalanischen Mount-Everest-Expedition des Jahres 1987. Im Laufe der Expedition wurde eine Untersuchung über die Wirksamkeit von Coca in homöopathischen Dosierungen zur Bekämpfung der Höhenkrankheit durchgeführt. Die Ergebnisse waren sehr aufschlußreich - in 70% der Fälle trat eine Besserung ein. Noch erstaunlicher war aber etwas anderes: nachdem die andere Reisapotheke auf dem Flughafen verlorengegangen war, standen Anton während der Expedition lediglich die homöopathische Reisapotheke und die von mir gegebenen Anweisungen zur Verfügung. Solchermaßen vor vollendete Tatsachen gestellt, beschloß er, es mit der einzigen noch verbleibenden Reiseapotheke zu versuchen. Er fing also an, die Mittel unter genauer Befolgung der Anwendungsvorschriften einzusetzen und erzielte - zu seiner eigenen Überraschung und der der anderen - großartige Erfolge. Prellungen, Zerrungen, gequetschte Finger und andere Verletzungen besserten sich rasch durch Einnahme von Mitteln wie Arnica, Rhus toxicodendron, Ruta, Hypericum u.a. Eine mit Calendula durchgeführte Wundreinigung bewährte sich stets und zog niemals weitere Infektionen nach sich. Am verwunderlichsten jedoch war die Sache mit den Flöhen.
Nach einer Übernachtung in einem Pferch erwachte die Mannschaft eines Morgens mit furchtbarem Juckreiz. Klarer Fall: hier wimmelte es von Flöhen. Anton verteilte Urtica urens, was zu rascher, dauerhafter Besserung führte: sowohl Juckreiz als auch Entzündung waren nach wenigen Stunden verschwunden. Die kleine Fraktion von Expeditionsteilenehmern, die den Juckreiz mit Antihistaminika aus der persönlichen Reiseapotheke bekämpfte, kratzte sich noch am folgenden Tag. Einige von ihnen baten nun die anderen hinter
vorgehaltener Hand um etwas Urtica, um dem Jucken endlich ein Ende zu bereiten.
Die Schulmedizin hat sich im Laufe der letzten 50 Jahre ohne Zweifel stark weiterentwickelt, doch ist die Bereitstellung hochwirksamer und schnellwirkender Medikamente für ganz bestimmte Zwecke (seien es nun Antibiotika und Analgetika) nur ein Scheinerfolg, weil dadurch nach wie vor keine nachhaltige Besserung des grundlegenden Gesundheitszustandes des Patienten herbeigeführt wird. Mit diesen Arzneimitteln erreicht man lediglich ein vorübergehendes Niederhalten des Schmerzes oder hält Infektionen für wenige Tage oder Wochen auf. Das rettet dem Patienten oft das Leben, beeinflußt seine körpereigene Abwehr und sein Immunsystem jedoch in keinster Weise. Wohlbekannt ist diese Situationen bei der Tuberkulose: Der Bazillus ist gegen die alten Antibiotika resistent geworden, die neuen Mittel sind genauso oder noch giftiger als die früheren, gleichzeitig aber greift die Krankheit weiter um sich. Antibiotika stärken die Abwehrkräfte gegen den Bazillus nicht; sie entfalten nur ihre toxische Wirkung und eliminieren ihn sozusagen portionsweise, mit allen schädlichen Nebenwirkungen auf den übrigen Organismus.
Auch die korrektive oder ersetzende Chirurgie (Herzkranzgefäße und Herzklappen; Gehirn; Orthopädie), die Dialyse bei Niereninsuffizienz und die Hormonersatztherapie (Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion etc.) haben eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Das Leben eines schwer oder unheilbar kranken Patienten kann mit Hilfe dieser Techniken verlängert werden, die ein Weiterleben bei oft sogar recht annehmbarer Lebensqualität sichern. Die Fortschritte im Bereich der Bilddiagnostik (Elektronenmikroskopie, Computertomographie, Kernspintomographie, Echographie, u.a.) sind gewiß bedeutende Schritte auf dem Weg zu einer besseren technischen Erfassung der anatomischen und biologischen Funktionen des Menschen.
Was der Schulmedizin aber fehlt, ist die ganzheitliche Sichtweise des Patienten, ist die Anerkennung der angeborenen Fähigkeit aller Lebewesen zur Selbstheilung, ist die Annahme der homöopathischen Verschreibungspraxis auf der Grundlage von Wirkstoffen, die zu einer tatsächlichen Wiederherstellung der Gesundheit beitragen und das Gefühlsleben und die Körperfunktionen auf einer tieferen Ebene wieder ins Gleichgewicht bringen. Ein herkömmliches Medikament ist so konzipiert, daß es die Auswirkungen der Krankheit in der Gestalt ihrer Symptome beseitigt; dahinter verbirgt sich die Vorstellung, daß die Krankheit verschwunden ist, wenn sie nicht mehr offenkundig zu sehen ist. Ein homöopathisches Mittel hingegen ist so beschaffen, daß es dem Patienten die durch die allgemeine Erkrankung beeinträchtigte Fähigkeit zur Selbstheilung wiedergibt. Auf diesem Weg zurück zum Gleichgewicht wird der ganzheitliche Blick auf den individuellen Patienten - Körper, Denken, Gefühlsleben und Geist - stets beibehalten.
Was hat dies mit einem Buch über Unfallbehandlung zu tun? Ziemlich viel. Gerade Unfallverletzungen werden häufig als einzeln dastehende oder "zufällige" Ereignisse im Leben des Patienten betrachtet. Die Symptome werden durch eine schnell erscheinende Behandlung beseitigt, mit stark wirkenden Schmerzmitteln, entzündungshemmenden Medikamenten oder Kortison. So verstummen die Symptome, doch die Behandlung schwächt den Körper an einzelnen Stellen. Wieder bleibt der Patient als Ganzes unberücksichtigt, genauso wie die eventuell auftretenden Nebenwirkungen. Die Fähigkeit des Patienten zu rascher, wirksamer Wiederherstellung seiner vollen Gesundheit wird auch hier übersehen.
Erinnern wir uns an den holländischen Nationalspieler Ronald Koeman, dessen Achillessehne wiederholt mit Kortison und Schmerzmitteln behandelt wurde, weil man glaubte, man würde so ein Maximum an Leistungsfähigkeit aus dem Spieler herausholen. Tatsächlich aber hatte diese Strategie bei Koeman einen Achillessehnenriß zur Folge. Immer mehr Spieler
meiden jetzt solche aggressiven Methoden und wählen stattdessen, auch aufgrund der raschen und guten Behandlungserfolge, gesundheitsschonende Formen der Medizin wie Homöopathie, Osteopathie oder Akupunktur.
Das moderne Leben und der machtvolle Einfluß des American way of life hat die Europäer zu einem zunehmend hektischen Alltag geführt, einem alltäglichen Rennen gegen die Uhr mit dem Ziel, möglichst viel zu leisten, effizient zu sein, um zu möglichst vielen Annehmlichkeiten, sozialem Ansehen und Geld zu gelangen. Die ganze Plackerei führt aber auch zu einer immer größeren inneren Leere; die wiederum wird mit immer geschäftigerem Treiben ausgefüllt, und wenn endlich Krankheitssymptome Alarm schlagen, fällt uns nichts anderes ein, als sie zum Schweigen zu bringen, ihnen sozusagen den Mund zu verbieten, um unseren alltäglichen Privatkrieg gegen uns selbst ungehindert fortführen zu können. So dramatisch einfach ist die Lage.
Wenn eine Verletzung, ein Unfall oder ein Symptom auftreten und dadurch eine Erkrankung ankündigen, sollte man innehalten und auf die darin enthaltene Botschaft hören. Ein Unfall stellt eine Warnung dar, die uns dazu mahnt, auf unserem aberwitzigen Rennen in Richtung persönlicher Zerstörung innezuhalten. Wir aber fordern eine Blitzbehandlung zur raschen Wiederherstellung der Tauglichkeit für das Alltagsleben und legen die alleinige Verantwortung für die Heilung in die Hände eines Spezialisten, der seine Aufgabe so effizient wie möglich zu erfüllen hat. "Machen Sie mich sofort wieder gesund, ich muß weiter volle Leistung bringen!", sagen wir oft voller Ungeduld, während man gerade jetzt auf die Stimme des eigenen Körpers und unserer Gefühle hören sollte. Jetzt könnten wir einmal überprüfen, wie es in Wahrheit um uns steht - ich meine nicht nur im Hinblick auf unsere Verletzungen, sondern auch den Stand unserer inneren Harmonie, den Grad unserer Anpassungsfähigkeit und unserer persönlichen Zufriedenheit.
Treten Krankheit oder ein Unfall ein, so heißt das: "Achtung, es geht so nicht weiter!" Jetzt sollten wir Innenschau halten und begreifen, daß diese Erkrankung der Weg zum Gesundwerden ist, wie Dethlefsen und Dahlke es meisterhaft formuliert haben:
"Der Kranke ist nicht unschuldiges Opfer der Irrtümer der Natur, sondern sein eigener Henker. ... Das Symptom ist Hinweis darauf, daß etwas fehlt. ... Wenn wir den Mut finden, auf die Symptome zu achten und uns mit ihnen auseinanderzusetzen, werden sie zum untrüglichen Leitfaden auf dem Weg zur wahren Gesundheit. ... Die Krankheit ist kein Hindernis, das uns den Weg versperrt, sondern sie ist selbst der Weg, auf dem jeder Einzelne zur Heilung finden kann. Je bewußter wir den Weg betrachten, desto besser vermag dieser seinen Zweck zu erfüllen. Unsere Absicht liegt nicht in der Bekämpfung der Krankheit, sondern wir wollen sie uns zunutze machen; um dies zu ereichen, müssen wir unseren eigenen Horizont erweitern."
Symptome sind also wie Warnlichter, die aufblinken, um uns anzuzeigen, daß etwas nicht stimmt. Wenn wir das Problem "beheben" wollen, indem wir das Lämpchen aus der Fassung herausdrehen, damit wir so weitermachen können wie bisher, besteht das Problem doch ungelöst im Verborgenen solange weiter, bis das Funktionieren unseres Körpers und vielleicht sogar unser ganzes Leben gefährdet ist.
An dieser Stelle auch ein paar Worte zum sportlichen Masochismus, der heute so viele Anhänger hat. Nicht wenige Sportler, die sich verletzen oder krank werden, sind auf sich selbst böse, überhören standhaft die Stimme des Schmerzes und fahren mit ihrem harten Training fort, ohne sich selbst Ruhe zu gönnen, ohne auf sich und das Symptom zu hören, die ja eigentlich klar und deutlich signalisieren, daß Ruhe und Erholung dringend angezeigt wären. So sind viele Menschen heute unfähig, sich selbst dann eine Atempause zu gönnen, wenn ihr Körper buchstäblich danach schreit. Sie sind nicht
imstande, die schlichte Lektion zu begreifen, die jede Krankheit, jeder Unfall uns vermitteln möchten. Eine Lektion, die ganz einfach nur besagt, daß man den Druck gegen sich selbst lockern soll, aufhören soll, gegen sich selbst zu kämpfen und sich gestatten, ab jetzt sein eigener Verbündeter zu sein, der sich selbst heilt. Der Körper selbst überhört die Stimme der Symptome nicht und legt sie auch im richtigen Sinne aus.
Gelernt haben wir die Lektion, wenn wir begreifen, daß das Ausweichen, ja die Flucht vor unseren eigenen Problemen in den Sport oder in den Ehrgeiz des Immer-mehr-Wollens eigentlich nur der Versuch ist, die eigenen Fehler nicht sehen zu müssen und uns im Grunde ärmer macht. Sport sollte uns vielmehr dabei helfen, das Leben mehr zu genießen. Verdrängt man hartnäckig die eigenen Probleme und Gefühle durch eine Flucht in den Sport, so treten früher oder später unweigerlich wieder Alarmsymptome auf. Dies widerfuhr beispielsweise einem 65-jährigen Langstreckenläufer, der beim Laufen einen Herzinfarkt erlitt. Der Fall stammt aus der Praxis eines italienischen Kollegen. Der besagte Patient hatte sein Leben lang Sport getrieben, rauchte nicht, hatte keinen Bluthochdruck, normale Cholesterinwerte und keiner seiner Angehörigen hatte Probleme mit den Herzkranzgefäßen gehabt. Er gehörte also zu keiner der üblichen Risikogruppen. Als sein Arzt ihn eingehend untersuchte, stellte er aber fest, daß der Mann einen glühenden sportlichen Ehrgeiz besaß und versuchte, den leidvollen Erfahrungen seines enttäuschungsreichen Lebens im Sport zu entfliehen. Er bemühte sich, unter allen anderen hervorzustechen und verlangte sich mit eisernem Willen Höchstleistungen ab. Der Infarkt hatte ihn an den Rand des Grabes gebracht - jetzt mußte er seine Lebensweise neu überdenken.
Sport soll dazu beitragen, das eigene Leben besser zu meistern, er soll den Menschen dem eigenen Innersten näherbringen. Man sollte sich aber davor hüten, alle Energien und Kraftreserven beim Sport aufzubrauchen. Beispiel Jogging: Wem es hier gelingt, sich vom Joch der Stoppuhr freizumachen, der
beginnt allmählich, sich harmonisch auf die innere Stimme einzuschwingen. Spontane Ideen, auf die man sonst nie gekommen wäre, bahnen sich ihren Weg ins Bewußtsein, die Klarheit der Gedanken steigt zusehends, man gelangt zu einem Zustand, der sich Frieden und innerer Gelassenheit immer mehr annähert. Hier liegt der tiefgreifende Nutzen sportlicher Betätigung. Hierin liegt im Grunde auch ein Ziel unseres ganzen Lebens: in einem Zustand der Gefaßtheit, der Entspannung, des Ganz-bei-sich-Seins, in dem unsere Bewegungen, unsere Atmung und unsere Gedanken einem natürlichen, harmonischen Rhythmus unterliegen, einem Rhythmus, der sich für Augenblicke an das Nirwana der Asiaten, an die Glückseligkeit höchsten Wohlbefindens und innerer Ausgeglichenheit annähert.
Wenn in solchen Augenblicken etwas nicht funktioniert, wenn Schmerzen auftreten oder bestimmte Gedanken regelmäßig wiederkehren, sollten wir diesen Hinweisen die gebührende Aufmerksamkeit schenken, denn sie können uns zurückführen zu Gleichgewicht und innerer Harmonie. Unser Organismus besitzt eine erstaunliche Fähigkeit zur Eigenregulierung und zur Wiedererlangung dieses Gleichgewichts - man muß nur lernen, (wieder) auf seine Stimme zu hören.
Die folgenden Seiten sollen den Leser den Umgang mit den Auswirkungen von Unfallverletzungen lehren. Sie sollen auch dazu beitragen, das Innerste unseres Wesens, unseres Körpers und uns selbst besser zu verstehen und mehr zu schätzen. Die Bandbreite möglicher Unfälle reicht dabei von Verletzungen im Haushalt bis hin zu komplexeren und gefährlicheren Problemen wie sie während einer Expedition in die fernsten und verlassensten Winkel der Erde auftreten können. Dieses Buch dient als Einführung und zur Vertiefung der Kenntnisse in Erster Hilfe und homöopathischer Unfallmedizin, wobei Wirksamkeit der Anwendung und die Achtung vor der Selbstheilungskraft unseres Organismus an erster Stelle stehen. Wenn dieses Buch in dieser Hinsicht von Nutzen ist, wenn es dazu beiträgt, eigenes und fremdes Leiden zu lindern
und gleichzeitig zu einer nachhaltigen Steigerung der Gesundheit seiner Leser beitragen kann, hat es sein Ziel erreicht.
M.M.R.