Alfons Stiegele - Ein Leben für die Homöopathie
von Pastschenko, Boris
Vorwort:
Prof. Dr. Alfons Stiegele war eine der herausragenden Gestalten der deutschen Homöopathie zu Beginn dieses Jahrhunderts und ein Exponent der klinischen Homöopathie. Obwohl er bedeutende Werke zur Homöopathie hinterlassen und als Chefarzt des damals homöopathisch geführten Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart auch in der Ausbildung der Ärzte Bedeutendes geleistet hat, ist er der jungen deutschen, homöopathisch praktizierenden Ärzte-Generation weitgehend unbekannt.
Bezeichnenderweise hat sich ein russischer Arzt, Boris Pastschenko, zum Ziel gesetzt, dem Vergessen mit dieser Biographie entgegenzutreten. Gleichzeitig gibt er einen Abriss über die klinische Homöopathie und referiert Ergebnisse aus der klinischen Forschung, insbesondere aus seinem Heimatland.
Über die russische Homöopathie weiß man hier nur sehr wenig. Die räumliche Distanz, der ehemals "Eiserne Vorhang" und nicht zuletzt die Sprachbarriere erschweren die Kommunikation und ein gegenseitiges Kennenlernen. Um so erfreulicher ist das Erscheinen dieses Buches zu bewerten, das uns einen kleinen Einblick in die russische "Homöopathie-Szene" erlaubt. Die Homöopathie ist vom russischen Gesundheitsministerium offiziell anerkannt, und es gibt in Kliniken integrierte homöopathische Ambulanzen - in Moskau existiert sogar ein homöopathisches Krankenhaus. Trotzdem praktizieren nach Angaben von Schmitz (Schmitz, M.: Strömungen in der Homöopathie. Essen: 2000.) nur etwa 300 Ärzte die Homöopathie. In den Zentren Moskau, Kiew und Petersburg gibt es Homöopathieschulen, die alle insgesamt der klinischen Homöopathie nahestehen.
Dr. Pastschenko äußerte bei einem seiner Besuche in Deutschland sein Erstaunen darüber, dass dagegen in Deutschland, im Herkunftsland der klinischen Homöopathie, nur noch ganz vereinzelt - meist betagte - "Kliniker" zu finden seien und die "Szene" von der klassischen Homöopathie beherrscht werde, von der er geglaubt habe, dass sie "überwunden" sei.
Woher kam der Niedergang der klinischen Homöopathie in Deutschland? In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand ein genereller Niedergang der Homöopathie als Ganzes statt, nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Industrienationen. Dies bedeutete, dass die klinische Homöopathie nicht gegen die klassische Homöopathie an Boden verlor. Beispielsweise kam die Homöopathie in den USA, in der die mehr klassisch geprägte Homöopathie einen deutlich höheren Stellenwert im Gesundheitssystem hatte als in Deutschland, ebenfalls fast gänzlich zum Erliegen.
Gemeinsamer Faktor für den Niedergang war die Überlegenheit der neu eingeführten schulmedizinischen Medikamente, insbesondere der Antibiotika und des Kortisons bei der Behandlung akuter Erkrankungen - ob unterdrückend oder nicht, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.
So ist die Konversion des homöopathischen Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart, dessen langjähriger Chefarzt Alfons Stiegele war, in eine schulmedizinische Klinik nicht nur eine Folge von Stiegeles weniger fähigen Nachfolgern auf dem Chefarztposten, wie Dr. Pastschenko vermutet, sondern symptomatisch für die damalige Zeit des Niedergangs.
Vielleicht rächte sich hier die Vernachlässigung des Konzepts der chronischen Krankheiten, dem Hahnemann sein Spätwerk gewidmet hatte, durch die "Kliniker".
In dem vorliegenden Buch lässt sich aus den Ausführungen von Dr. Pastschenko etwas von dem erbitterten Streit zwischen den "Klinikern" und den "Klassikern" erahnen, der mehr oder weniger seit Hahnemann die Homöopathenschaft entzweite. Hahnemann betrachtete sich hauptsächlich als Empiriker und damit als Wissenschaftler moderner Prägung. Er fühlte sich als Teil des Medizinbetriebs und wollte die Medizin seiner Zeit reformieren. Deshalb publizierte er auch viel in den Fachjournalen seiner Zeit.
Bereits zu Lebzeiten Hahnemanns zeichneten sich zwei Strömungen ab, die sich in der Folgezeit zum Teil heftigst bekriegten. Zum einen die "Hahnemannier", aus denen die klassischen Homöopathen hervorgingen. Sie vertraten eine wörtliche Übernahme der Lehren des Meisters und versperrten sich den neuen Gedanken und Entwicklungen, die in der übrigen Medizin aufkamen. Folgerichtig stellten die klassischen Homöopathen zur Jahrhundertwende in Europa eine eher isolierte Minderheit dar.
Zum anderen waren da die "Spezifiker", aus denen die klinischen Homöopathen hervorgingen. Sie betrachteten sich als integralen Bestandteil der damaligen Schulmedizin. Sie nahmen Anteil an den faszinierenden Entdeckungen der forschenden Inneren Medizin und Pathologie, deren Exponenten damals Skoda und Rokitanski in Wien waren. Diese neuen wissenschaftlichen Errungenschaften zu ignorieren und sich den eventuell daraus ergebenden therapeutischen Möglichkeiten von vorneherein zu verschließen, hätte sich mit dem wissenschaftlichen Anspruch dieser Homöopathen nicht vereinbaren lassen.
Deshalb ist die klinische Homöopathie geprägt vom optimistischen Geist der aufstrebenden Wissenschaften. Und dieser Geist zeigt sich auch deutlich in Pastschenkos Ausführungen.
Warum erlebt die klinische Homöopathie im Gegensatz zur klassischen Homöopathie in Europa keine Renaissance?
Zur Zeit Stiegeles war das Konzept der "funktionellen Syndrome", das die psychosomatische Medizin entwickelt hat, noch nicht integraler Bestandteil des medizinischen Denkens. Ein wesentliches Kennzeichen des funktionellen Syndroms ist, dass trotz jahrelangen Bestehens keine organpathologischen Veränderungen auftreten. Aufgrund der hauptsächlich psychogenen Ursache der funktionellen Syndrome resultiert ebenfalls eine ungeheure Vielgestaltigkeit, die einen klinisch-homöopathischen Ansatz unmöglich macht.
Es zeigte sich außerdem, dass damals aufkommende moderne Konzepte wie die Reiztheorie, die mit der Arndt-Schulz-Regel auch für Laien ein Begriff wurde, in der Homöopathie keine therapeutische Relevanz hatten. Konnte dieses Konzept noch als Theorie für die Wirkungsweise der Tiefpotenzen dienen, versagt sie als Erklärungsmodell für die Wirkung der Hochpotenzen. Des Weiteren modifiziert der individuelle Organismus je nach Konstitution seine Antwort auf Reize so stark, dass sich keine einheitlichen Reaktionsmuster erkennen lassen. Auch der klinisch-histopathologische Ansatz stellte sich bezüglich seiner therapeutischen Konsequenzen als Sackgasse heraus: Die einzelnen Organe haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, auf Reize zu reagieren, bzw. Pathologien zu entwickeln - so reagiert die Leber initial fast immer mit einer Verfettung, egal ob auf Alkohol, Arzneien, übermäßige Ernährung, oder im Rahmen einer Diabetes mellitus. Eine Nase läuft oder ist verstopft. Die Haut rötet sich und entwickelt Blasen ... Dies bedeutet, dass die histopathologischen Korrelate viel zu "grob" für eine homöopathische Arzneimittelfindung sind.
Dass die klinischen Homöopathen versuchten, das Problem der Hochpotenzen aus ihrer Arbeit auszuklammern, darf ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden - ist es doch auch heute nicht gelöst und nach wie vor ein Haupthindernis in der Kommunikation mit unseren schulmedizinischen Kollegen.
Die klassischen Homöopathen vermieden den Spagat zwischen theoretischen Modellen und ihrer eigenen therapeutischen Erfahrungen, indem sie sich dem Wissenschaftsbetrieb verschlossen und sich nur innerhalb ihrer Denkmodelle bewegten. So konnten theoretische Konzepte erst gar nicht widerlegt werden. Erst neuerdings gibt es Bestrebungen in Zusammenarbeit mit Chemikern und Physikern, das Phänomen der Potenzierung und der Hochpotenzen modelltheoretisch zu begreifen.
In der Zwischenzeit offenbart die Schulmedizin auch bedeutende therapeutische Schwächen, insbesondere bei der Behandlung chronischer Krankheiten. Hier erwies sich das von den "Klinikern" angegriffene Konzept von Hahnemanns "Chronischen Krankheiten" - bei allen Schwächen - als sehr erfolgreiche therapeutische Leitlinie in diesem äußerst problematischen Arbeitsgebiet. Inzwischen hat die klassische Homöopathie in den westlichen Ländern mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass akute Krankheiten gar nicht zum Einsatzbereich der Homöopathie gehören.
Vom heutigen Standpunkt aus sind die (damaligen) Streitigkeiten nur schwer nachzuvollziehen. In diesem Zusammenhang ist die von Pastschenko einfließende Polemik medizingeschichtlich sehr interessant. In meinen Augen war die klinische Homöopathie eine historisch notwendige Weiterentwicklung der Homöopathie - mit allen ihren Überbewertungen und Limitierungen. Wären Stiegele und Kollegen diesen Weg nicht gegangen, könnte man ihnen zu Recht den Vorwurf machen, nicht am Puls der Zeit gewesen zu sein und ihr sektiererisches Süppchen gekocht zu haben. Durch die unermüdliche Arbeit von Stiegele, Mezger, Bakody und Kollegen wurde der alte homöopathische Wissensschatz kritisch überprüft und erweitert: durch neue Arzneimittelprüfungen, die Zuordnung von klinischen Bildern zu Arzneimitteln, die wir heute wie selbstverständlich als "Bewährte Indikationen" anwenden, die Organotropie der Arzneimittel usw. Damit haben sich die "Kliniker" auf Dauer um die Weiterentwicklung der Homöopathie verdient gemacht - auch wenn die Gesamtentwicklung der Homöopathie eine andere Richtung einschlug, als die "Kliniker" erwartet hatten.
Sicher ist die Schlussfolgerung erlaubt, dass die uns heute in der Fallanalyse meist selbstverständliche Einbeziehung der klinischen Aspekte, insbesondere die Organotropie der homöopathischen Arzneimittel, ein Resultat der unermüdlichen Arbeit der heute fast vergessenen "Kliniker" ist. Sie ist uns heute so selbstverständlich, wie zukünftigen Generationen die Einbeziehung der Tiefenpsychologie durch Rajan Sankaran oder der spirituellen Dimension durch Masi in die Homöopathie sein werden.
Mühlacker, im Juni 2000
Reimund Wagner