"Behalten Sie doch Ihre Globuli!" - Kommunikation und Wahrnehmung in der tierhomöopathischen Anamnese
von Loechle, Sabine; Löchle, Sabine
Vorwort:
1. Einleitung
Die Fallaufnahme legt den Grundstein für eine erfolgreiche homöopathische Behandlung. Das erste verordnete Mittel kann, so es gut gewählt ist, einen Fall in die richtige Richtung lenken, ihn unter Umständen sogar gleich heilen. Ein falsches Mittel kann den Fall jedoch auch verderben, das Bild verzerren und durcheinander bringen, so dass die weitere Mittelwahl erschwert ist (vgl. Vithoulkas, 1986, S. 180f.).
Hahnemann spricht im § 3 des Organon von drei Faktoren, die notwendig sind, um "zweckmäßig und gründlich zu handeln" und ein "ächter Heilkünstler" zu sein: die Krankheits-Erkenntnis, die Kenntnis der Arzneikräfte sowie die Wahl des Heilmittels. Das Studium der Materia Medica verschafft das Wissen über die Arzneien. Die verschiedenen Erfahrungsberichte und Aufzeichnungen anderer Homöopathen - allen voran natürlich Hahnemann selbst - geben Hilfestellungen bei der Wahl des Mittels. Um zur Krankheits-Erkenntnis zu gelangen, ist eine Anamnese und das Verständnis des Patienten erforderlich. "Diese individualisirende Untersuchung eines Krankheits-Falles, (...), verlangt von dem Heilkünstler nichts als Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit" (Hahnemann, 1999, S. 170).
Was zunächst recht einfach und unkompliziert klingt, ist bei eingehender Betrachtung kein leichtes Unterfangen, da es sich bei der Wahrnehmung immer um subjektives Erleben handelt und echte Objektivität nicht existiert. Vertreter des Radikalen Konstruktivismus, wie Ernst von Glasersfeld, Humberto Maturana und, Heinz von Foerster, behaupten, dass der Mensch ein operationell geschlossenes System ist und jede Erkenntnis eine Konstruktion ist, die aus der Autopoiesis (= Eigenschaft, sich aus sich selbst heraus zu schaffen) des Wahrnehmenden heraus geschieht. Dies stellt häufig Fallstricke gerade im Kontakt zu anderen dar, da sich aus dieser subjektiven Wahrnehmung und ihrer Deutung die weiteren Verhaltensweisen und Handlungen entwickeln. Wohin es führen kann, wenn die Interpretation der eigenen Wahrnehmung nicht kritisch hinterfragt wird, zeigt die folgende Geschichte auf sehr pointierte Weise:
"Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er 'Guten Tag' sagen kann, schreit ihn unser Mann an: 'Behalten Sie doch Ihren Hammer, Sie Rüpel!' " (Watzlawick, 1984, S. 37).
Ein Weg, sich der Objektivität zumindest anzunähern, kann darin bestehen, mögliche Einflüsse auf die eigene Wahrnehmung zu erkennen und sie in der Interpretation des Wahrgenommenen zu berücksichtigen. Wenn der eigene Filter, durch den Dinge erlebt und gedeutet werden, bewußt ist, dann ist es auch möglich den Raum für andere subjektive Realitäten zu öffnen. Im Fall der tierhomöopathischen Anamnese bedeutet dies: erst dann ist Platz für die Realität und das zentrale Thema des Tieres. Unbefangenheit setzt voraus, sich der eigenen inneren Zustände bewusst zu sein.
In der Tierhomöopathie existiert zudem eine besondere Situation, da nicht nur der Patient selbst, also das Tier, eine Rolle in der Anamnese spielt, sondern ebenso der Tierhalter, der sowohl als Vermittler fungiert, jedoch in gewissem Maße auch selbst Beteiligter ist. Dessen eigene subjektive Wirklichkeit spielt in dieser Situation ebenso eine wichtige Rolle, muss ebenso beachtet und gefiltert werden. Vorurteilsfreiheit und Aufmerksamkeit im Beobachten müssen sich somit auf Tier und Tierhalter sowie die Beziehung zwischen beiden erstrecken. Die Fallaufnahme findet in einem System von Tier, Tierhalter und Homöopath statt.
"Der zweite wichtige Punkt ist, eine Methode zu entwickeln, die die Patienten dazu bringt, sich zu öffnen und sozusagen 'ihre Waren bei uns abzuliefern' " (Saine, 2001, S. 32). In der Tierhomöopathie bedeutet dies, in der Fallaufnahme eine vertrauensvolle Atmosphäre sowohl für das Tier als auch für den Tierhalter zu schaffen, in der sich beide vertrauensvoll mitteilen können.
Edina Mikuschka schreibt dazu: "Im Laufe dieser Phasen entwickelt sich eine Wechselbeziehung zwischen dem Patienten, dem Tierhalter und dem Tierarzt. Die Haltung und das Benehmen des Patienten einerseits und die des Arztes sowie des Tierhalters andererseits erlauben - oder eben nicht - eine Vertrauensatmosphäre herzustellen. Von diesem Vertrauen hängen oft der Erfolg der ganzen homöopathischen Konsultation, die Ergiebigkeit der Befragung und damit der Therapieerfolg ab" (in: Schmidt, 1998, S. 98f.).
Die Erstanamnese stellt die Weichen für den Verlauf der homöopathischen Behandlung und beinhaltet also zwei wichtige Aufgaben: eine gute Beziehung zu Tier und Tierhalter herzustellen sowie die eigene Wahrnehmung derart zu schulen, dass sie möglichst aufmerksam und vorurteilsfrei ist. Eine Reihe komplexer Vorgänge auf verschiedenen Ebenen findet in dieser Situation statt. Diese Ebenen sind miteinander verwoben und lassen sich nicht immer leicht voneinander trennen. Sie sollen im Rahmen dieses Buches dennoch jeweils möglichst für sich betrachtet werden.
Zunächst werden grundlegende Begriffe wie Wahrnehmung, System und Kommunikation näher definiert, da diese die Ausgangsposition darstellen und damit nachvollziehbar machen, wieso die später genannten Faktoren Einfluss ausüben (können). Im Anschluß werden verschiedene Einflussfaktoren beschrieben, die einen guten Kontakt und eine möglichst objektive Wahrnehmung behindern können. Der darauf folgende Teil soll Hilfestellungen geben, wie mit den benannten Hindernissen konstruktiv umgegangen werden kann beziehungsweise wie Bedingungen für eine nützliche, vertrauensvolle Fallaufnahme geschaffen werden können. Aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil des Austauschs in der Anamnese mit dem Tierhalter stattfindet, werden viele Aspekte der Kommunikation und der Beziehungsgestaltung im zwischenmenschlichen Bereich eingehender betrachtet.
Mein Anliegen ist, mit diesem Buch einen Überblick über die in eine Fallaufnahme einfließenden Komponenten zu bieten und Anregungen für eine Reflexion der eigenen Herangehensweise zu geben. Angesichts der Komplexität dieses Themas erhebe ich dabei nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Das Ziel des Buches ist erreicht, wenn der Leser im Anschluss an die Lektüre (neue) Anstöße erhalten hat, sich mit den zwischen- und innermenschlichen und -tierischen Vorgängen in der Anamnesesituation auseinanderzusetzen und eine Erweiterung seines Interpretations- und Handlungsspektrums erlebt.
Der besseren Lesbarkeit halber verwende ich in diesem Buch die männliche Form, selbstverständlich beziehen sich alle Ausführungen immer auf beide Geschlechter.