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Die Theorie der chronischen Krankheiten 3. Auflage

von Hahnemann, Dr. med. Samuel 
Vorwort:
Hahnemanns drei große chronische Krankheiten sind Psora, Syphilis und Sykosis. Die Syphilis ist jedem Mediziner geläufig. Hahnemann weicht nicht vom allgemeinmedizinischen Standpunkt ab.

Die Sykosis ist schon eher Eigengewächs der Homöopathie, wiewohl hier im Reiter'sehen Syndrom durchaus Ansätze fürs Verständnis der
Sykose auch beim Schulmediziner vorhanden sind. Die Psora, die weitaus verbreitetste unter den dreien aber ist dem Schulmediziner völlig unbekannt. Hahnemann sieht sie eindeutig als chronischen Infekt an. Betrachten wir nur die klinischen Auswirkungen und Stadien dieser Krankheit, ist auch der Schulmediziner frappiert von der Genauigkeit und Tatsächlichkeit dieser Beobachtungen. Ich kenne manchen Schulmediziner, der nach dem Studium dieser Symptomatologie sehr nachdenklich wurde. Was wissen wir denn sonst über die chronischen Krankheiten?

Ist jede etwas für sich, oder haben sie wirklich alle eine gemeinsame Wurzel; durch die Umstände bedingt, verläuft dann die Entwicklung mehr zu dem oder mehr zu jenem Leiden?
Die Schau Hahnemanns ist sehr merkwürdig. Die klinischen Tatsachen sind da. Können wir sie so untereinander verbinden, wie es Hahnemann tut? Und der Erreger? Das bleibt vorderhand ein Rätsel. Aber ist die Bakteriologie am Ende aller ihrer Entdeckungen? Sind ihr alle Phänomene klar? Kennt sie auch jedes Virus, das wir u. U. lebenslang beherbergen, und das je nachdem sich auch einmal pathogen gebärden kann?

Abgesehen von diesen Grundgedanken birgt das Werk aber auch noch die deutliche Warnung vor jeder Unterdrückung äußerer Krankheitserscheinungen, etwa in Form von Exanthemen. Und wir erkennen auch klar das Warum.

Weiter begreifen wir nach dem Studium dieses Werks auch das Verhältnis zwischen akuten und chronischen Krankheiten.

Die Augen gehen uns auf über latente chronische Zustände, die wie die Glut unter der Asche motten. Wir erkennen ferner die Natur von Nachkrankheiten nach akuten Infekten, alles äußerst fruchtbare Ideen, die samt und sonders auf absolut schlüssigen Beobachtungen beruhen. Und dann folgt die große nützliche Reihe der speziell für die Behandlung chronischer Krankheiten geeigneten Arzneien. Es fällt auf, wie das eher Mineralstoffe sind, von Ausnahmen abgesehen. Das Studium der "Chronischen Krankheiten" ist bisher in der Homöopathie ganz allgemein eindeutig zu kurz gekommen. Mit der Neuherausgabe soll auch dieser Teil von Hahnemanns Lebenswerk ins Licht gerückt werden. "Organon" und "Chronische Krankheiten" gehören zusammen studiert. Das eine ergänzt das andere.

St. Gallen, den 19. November 1982
Jost Künzli von Fimmelsberg

Vorwort zur ersten Ausgabe 1828

Wüßte ich nicht, zu welcher Absicht ich hier auf Erden war - "selbst möglichst gut zu werden und umher besser zu machen, was nur in meinen Kräften stand" - ich müßte mich für sehr weltunklug halten, eine Kunst vor meinem Tode zum gemeinen Besten hinzugeben, in deren Besitz ich allein war und welche daher, bei ihrer Verheimlichung, mir fort und fort möglichst einträglich zu machen, bei mir stand.

Indem ich aber der Welt diese großen Funde mitteile, bedauere ich, zweifeln zu müssen, ob meine Zeitgenossen die Folgerichtigkeit dieser meiner
Lehren einsehen, sie sorgfältig nachahmen und den unendlichen daraus für die leidende Menschheit zu ziehenden Gewinn, welcher aus der treuen, pünktlichen Befolgung derselben unausbleiblich hervorgehen muß, erlangen werden - oder ob sie, durch das Unerhörte mancher dieser Eröffnungen zurückgeschreckt, sie lieber ungeprüft und unnachgeahmt, also ungenutzt lassen werden.

Wenigsten kann ich nicht hoffen, daß es diesen wichtigen Mitteilungen besser ergehen werde, als der schon bisher von mir vorgetragenen allgemeinen Homöopathie, wo man, aus Unglauben an die Kraft so kleiner und verdünnter (aber, was man übersah, desto zweckmäßiger für ihren homöopathischen Zweck in ihrer dynamischen Wirkungs-Fähigkeit entwickelter) Arznei-Gaben, wie ich sie nach tausend warnenden Versuchen endlich als die zweckmäßigsten der Arztwelt mitteilen konnte, lieber erst Jahre lang mit großen und größeren Gaben (meinen treuen Versicherungen und Gründen mißtrauend) die Kranken in Gefahr setzte, und daher (wie zuerst ich, ehe ich zu dieser Herabstimmung der Gaben gelangte) den heilsamen Erfolg gewöhnlich nicht erleben konnte.

Was würden sie gewagt haben, wenn sie meinen Angaben gleich anfänglich gefolgt und gerade diese kleinen Gaben zuerst in Gebrauch gezogen hätten? Konnte ihnen da etwas Schlimmeres begegnen, als daß diese Gaben nicht halfen? Schaden konnte sie doch nicht! Aber bei ihrer unverständigen, eigenmächtigen Anwendung großer Gaben zu homöopathischem Gebrauche gingen sie nur, in der Tat, nur abermals denselben für die Kranken so gefahrvollen Umweg zur Wahrheit, den ich schon, um ihnen denselben zu ersparen, mit Zittern, aber glücklich zurückgelegt hatte, und mußten, nach Anrichtung manchen Unheils und nach vergeudeter schöner Lebenszeit, doch endlich, wenn sie wirklich heilen wollten, an dem einzig richtigen Ziele anlangen, was ich ihnen treulich und offen und mit Gründen längst zuvor schon dargelegt hatte.

Werden sie es mit dem ihnen hier mitgeteilten großen Funde besser machen!

Und wenn sie's nun nicht besser damit machten - wohl! - so wird eine gewissenhaftere und einsichtigere Nachwelt den Vorzug allein haben, in treuer, pünktlicher Befolgung der hier folgenden Lehren, die Menschheit von den unzähligen Qualen befreien zu können, welche von den unnennbaren, langwierigen Krankheiten auf den armen Kranken lasteten, so weit die Geschichte reicht - eine Wohltat, welche durch das bisher schon von der Homöopathie Gelehrte noch nicht zu erreichen war.

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