Zur Theorie der Homöopathie
von Kent, Dr. med. J.T.
Vorwort:
James Tyler Kent:
Vorwort zur amerikanischen Erstausgabe
Diese Vorlesungen wurden an der »Postgraduale School of Homeopathics" gehalten und im »Journal of Homeopathics" veröffentlicht und werden nun, in etwas überarbeiteter Form, der homöopathischen Ärzteschaft in der Hoffnung dargeboten, daß sie sich manch einem als nützlich erweisen mögen, zu einer klareren Vorstellung über die Lehren der Homöopathie zu gelangen. In keiner Weise ist beabsichtigt, daß sie Hahnemanns "Organon" ersetzen. Sie sollten vielmehr als eine Art Kommentar zusammen mit diesem Werk gelesen werden, wobei das Ziel jeder Vorlesung darin besteht, über jeweils einen einzelnen Lehrsatz 1 genügend nachzudenken, um das Denken des Meisters zu erfassen und es klar herauszuarbeiten. Nicht jeder Paragraph wird behandelt, da viele sich dem Leser von selbst erschließen und keiner weiteren Erläuterung bedürfen.
Die Homöopathie ist heuzutage weit über die Erde verbreitet; ihre Lehren werden jedoch - so merkwürdig dies klingen mag - von niemanden so verfälscht wie von vielen ihrer vorgeblichen Anhänger. Die Homöopathie hat beides zum Gegenstand: sowohl die Wissenschaft als auch die Kunst des Heilens entsprechend dem Ähnlichkeitsgesetz. Damit diese Kunst unter den Menschen Bestand hat und weitere Fortschritte machen kann, muß ihre Wissenschaft besser verstanden werden als heutzutage. Die Heilkunst der Homöopathie ohne Beherrschung ihrer wissenschaftlichen Methodik ausüben zu wollen, ist leere Anmaßung; solch eine Praxis sollte ganz in den Bereich der empiristischen Medizin(2) verbannt werden. Um die Kunst, Kranke zu heilen, sicher zu praktizieren, muß sich der homöopathische Arzt in der Wissenschaft der Homöopathie auskennen.
(1) Das amerikanische Original bezieht sich noch auf Hahnemanns 5. Auflage des »Organon der Heilkunst", da die 6. Auflage erst 1921 posthum erschien. In Pierre Schmidts Bearbeitung, welche der vorliegenden Übersetzung zugrundeliegt, wurde, soweit dies vom Inhalt her möglich schien, aus Gründen der Aktualisierung nach der 6. Auflage des "Organon" zitiert (d. Übers.).
(2) Der englische Begriff "empiricism" ist mehrdeutig und kann sowohl "Kurpfuscherei" als auch die empiristische in Abgrenzung zur rationalistischen Richtung innerhalb der Medizin bezeichnen (d. Übers.).
Vorwort zur amerikanischen Erstausgabe
Dieser Vorlesungszyklus beabsichtigt nicht, das weite Feld der Theorie der Homöopathie abzudecken. Vielmehr sollte er als Einführung zu einem vertieften Studium sowie als Lehrbuch für Studenten dienen, damit sie von vornherein solide beginnen können und ihr Interesse an der Thematik ihrer Arbeit geweckt wird.
Evanston/Illinois, l. Juli 1900 James Tyler Kent