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Die chronischen Krankheiten - Ihre eigentümliche Natur und homöopathische Heilung, 5 Bände - AKTIONSPREIS 99,95 statt 159,95 - Sie sparen 37%!

von Hahnemann, Dr. med. Samuel 
Vorwort:
Zur Einführung

Mit Samuel Hahnemanns Werk "Die chronischen Krankheiten" tat die homöopathische Methode der Krankenheilung einen entscheidenden Schritt in ein therapeutisch noch nicht erschlossenes 'Neuland. Zuvor hatte nämlich die Homöopathie, die - wohlgemerkt - nicht primär als theoretische Medizin, die dann noch ihre Wendung in die Praxis zu vollziehen hat, sondern primär bereits als Praxis der wissenschaftlichen Arzneiheilung in die Welt getreten war, alle Krankheitszustände, mit denen sie es zu tun bekam, jeweils für sich, gleichsam isoliert, aufgrund des Ähnlichkeitsgesetzes zu heilen gelehrt. Die allgemeine Anweisung dazu hatte Hahnemann im "Organon der rationellen Heilkunde" (1810) gegeben. Die ständig wachsenden Erfahrungen mit dieser neuen, das Bisherige außer Kraft setzenden Heilmethode zwangen jedoch um 1816, noch vor dem Erscheinen der zweiten Organonauflage (1819), Hahnemann zur Erkenntnis, daß die Homöopathie bisher zwar die akuten Krankheiten, die sporadischen Fieber und epidemischen Seuchen sowie die chronischen Geschlechtskrankheiten (Schanker und Feigwarzen) sicher heilen konnte, daß ihr jedoch trotz mancher Teilerfolge die völlige Heilung aller übrigen chronischen Krankheiten versagt geblieben war: "Der Anfang (ihrer Behandlung) war erfreulich, die Fortsetzung minder günstig, der Ausgang hoffnungslos" (I, 4). Für Hahnemann stand fest, daß der Grund dieses Versagens seiner Methode bei dieser Krankheitsgruppe nicht beim Ähnlichkeitsgesetz selbst liegen konnte. War die Zahl der geprüften Arzneien noch ungenügend? Oder bedurften die chronischen Krankheiten spezifischer, ihrer Natur entsprechender Arzneien, wie sie schon für die chronischen Geschlechtskrankheiten gefunden worden waren? Lag es also an der noch unbekannten Natur der chronischen Krankheiten, wenn sie mit zwei Ausnahmen bisher unheilbar geblieben waren? Diese Fragen, die den Bestand seiner Homöopathie buchstäblich "in Frage stellten" , beschäftigten Hahnemann von 1816 bis 1828 "Tag und Nacht" (I, 6). Das Ergebnis seiner zwölfjährigen Forschungsarbeit, die sich ganz in der Stille abspielte und deren Fortgang sich in der unterdessen veröffentlichten zweiten (1819) und dritten (1824) Organonauflage nur in kurzen Andeutungen niedergeschlagen hatte, war das von 1828 bis 1830 in vier Bänden erscheinende Werk "Die chronischen Krankheiten, ihre eigentümliche Natur und homöopathische Heilung". Von 1835 bis 1839 konnte Hahnemann davon eine überarbeitete und erheblich erweiterte zweite Auflage in fünf Bänden folgen lassen, die der vorliegende vierte Nachdruck wiedergibt. Der seit 1835-39 erste Nachdruck hatte erst 1956 stattgefunden, als sich die klassische Homöopathie im deutschen Sprachraum zu regenerieren begann. Für das als überholt angesehene Werk schien kein Bedarf mehr bestanden zu haben. Deshalb war es damals angezeigt, diesem Nachdruck eine Einleitung des Berliner homöopathischen Arztes und Mitbegründers der "Zeitschrift für klassische Homöopathie", Prof. Dr. Hanns Rabe, voranzustellen, die das Wiedererscheinen von Hahnemanns Werk begründen sollte. Anläßlich dieses vierten Nachdrucks nach einer Generation ist eine Begründung gegenüber der Schule oder der britisch-wissenschaftlichen Richtung der Homöopathie nicht mehr aktuell.
Doch ist inzwischen innerhalb der klassischen Homöopathie, teils durch nordamerikanischen traditionellen Einfluß (Kent u.a.), teils durch neuere, besonders mittel- und südamerikanische Schulbildungen, aber auch durch unmittelbaren Anschluß an Hahnemanns buchstäbliche Lehre selbst ein "Miasmenproblem" aktuell geworden. Da dieses "Miasmenproblem", das heute die homöopathische Praxis verunsichert, auf eine unrichtige oder irrationale Interpretation, unter Umständen auch auf mißverständliche Übersetzungen der "Chronischen Krankheiten"
zurückgeht, scheint es vor allem auch im Blick auf die nachrückende Leserschaft und den Nachwuchs der Homöopathie förderlich, dem Neudruck eine "Einführung " in das Werk zu seinem besseren Verständnis des Ganzen, vorzüglich aber des"Miasmenproblems" beizugeben. Die "Einführung" gliedert sich in folgende Abschnitte:

l. Die Lehre von der Natur bzw. die Praxis der Heilung der chronischen Krankheiten: unterschiedliche Gewichtung und durchgehaltene
Bereichstrennung bei Hahnemann
2. Natur bzw. Heilung der chronischen Krankheiten: ein medizinisches bzw. homöopathisches Problem, damals wie heute
3. Hahnemanns Lehre von der Natur der chronischen Krankheiten (Zusammenfassung): Ursprung des "Miasmenproblems"
4. Hahnemanns Beobachtungen und Schlüsse auf dem Weg zu seiner Lehre von der Natur der chronischen Krankheiten
5. Miasmen heute?

l. Die Lehre von der Natur bzw. die Praxis der Heilung der chronischen Krankheiten:
unterschiedliche Gewichtung und durchgehaltene Bereichstrennung bei Hahnemann

"Die chronischen Krankheiten" geben durch ihre Einteilung und die Proportionen ihrer Teile klar ein Grundkonzept Hahnemanns zu erkennen. Zunächst lassen sich die fünf Bände in einen schmalen Textband und vier Bände einer Arzneimittellehre von 47 Mitteln gliedern. Der Textband selbst besteht aus zwei Teilen: "Natur der chronischen Krankheiten" (100 Seiten) und "Heilung der chronischen Krankheiten" (88 Seiten). Nach einem geläufigen Schema kann man sagen: Theorie und Praxis verhalten sich in Band l wie etwa l: l. Da aber der zweite Teil zusammen mit den vier Bänden der Materia Medica, die allgemeine Methodik also zusammen mit der apriorischen Bedingung wissenschaftlicher Heilung der chronischen Krankheiten, einen kompletten Praxisteil von etwa 2000 Seiten bildet, ergibt sich ein Verhältnis Theorie: Praxis von l: 20. Dies zeigt unmißverständlich, daß "Die chronischen Krankheiten" an Hahnemanns prinzipieller Auffassung von der Bedeutung der Theorie für die Praxis nichts geändert haben. Nach wie vor gilt: Theoretisches, besser Hypothetisches (wie hier eben die Natur der chronischen Krankheiten) hat in der
Homöopathie ein gewisses Recht (vgl. auch die Organa), darf aber unter keinen Umständen zu einer methodisch-apriorischen Voraussetzung des Heilens (der Heilkunst), die ausschließlich auf Erfahrungswissen gegründet ist (wie Physik und Chemie), gemacht werden. Eine ähnliche Proportion und gleichzeitige Trennung der Bereiche findet sich im Organon IV (1829), nachdem darin durch neue und erweiterte Paragraphen "Die chronischen Krankheiten" inkorporiert worden waren: Etwa 6 "theoretischen" stehen 35 praktische Paragraphen bezüglich der chronischen Krankheiten gegenüber! Ohne Kenntnis und Beachtung dieser von Hahnemann vorgenommenen Trennung und unterschiedlicher Gewichtung der Bereiche von "Theorie" und "Heilkunst" ist kein adäquates Verständnis der "Chronischen Krankheiten" (und der Homöopathie als Wissenschaft) möglich. Nur durch Unverständnis gegenüber diesen Fragen konnte bereits eine Vermischung der Praxisbedingungen durch Miasmahypothesen mit entsprechenden Folgen einreißen.

2. Natur bzw. Heilung der chronischen Krankheiten:
ein medizinisches bzw. homöopathisches Problem, damals wie heute.

Neben dem spezifischen Erfahrungsbereich der Homöopathie, die ja "nur", d.h. einzig eine Therapiemethode ist, gibt es natürlich, insofern sie als Therapie in die Medizin gehört - man täuscht sich darüber vielfach hinweg - den ihr notwendigen allgemeinen Wissens-, Erfahrungs- und auch Theoriebereich der Medizin, die immer nur eine zeitgenössische ist. So gehört die homöopathisch-gesetzliche Heilung der Krätze zur Sache der Homöopathie, während etwa die Tatsache, daß die Krätze beim Erwachsenen weder Kopf noch Hals befällt, zum allgemeinen Wissen der Medizin gehört. Ebenso steht es mit der Doppelfrage der "Chronischen Krankheiten": Heilung der chronischen Krankheiten = Homöopathie, Natur der chronischen Krankheiten = Medizin. Das Wissen über die Syphilis, über die Krätze usw. teilte Hahnemann mit der Medizin seiner Zeit. Und auch seine Erkenntnis von der Natur der chronischen Krankheiten ist zugleich sein Beitrag zur Medizin seiner Zeit. Wiederum ist ohne diese ebenso simple wie grundsätzliche Unterscheidung kein Verständnis der Lehre Hahnemanns von der "Natur der chronischen Krankheiten", insbesondere seiner Miasmalehre, möglich. Auch diese Lehren sind nicht "Homöopathie", sondern eben "Medizin", und zwar Medizin des 18./19. Jahrhunderts - und sie bleiben es! So war die Übertragung von akuten und chronischen Krankheiten durch Kontakt (Berührung, Koitus, Gerüche, Ausdünstungen, Luftbewegungen, Briefe - vgl. Org. VI, S- 17) den damaligen Ärzten keinesfalls entgangen, doch über die ihnen noch
fehlende Wahrnehmungsmöglichkeit der Mikroorganismen (Erreger) mußten sie sich durch Hypothesen, wie dem jeder Spekulation offenen Leerbegriff des "Miasma" (griech. miasma, Befleckung, insbesondere durch ein Verbrechen), hinweghelfen. Auch die Klassifizierung der Krankheiten, wichtig für das Ideal ihrer spezifischen Therapie, konnte mangels echter Klassifizierungskriterien für wahre "feststehende" Krankheiten (zum Beispiel nach spezifischem Erreger oder Erregergruppen oder nach einer [echten] Heredität) nicht gelingen. So trieb sie ins Leere, oft Monströse. Dies alles hatte damals Hahnemann in seinen Anfängen verworfen. Wir verdanken Jacques Baur, Lyon, eine Studie, die nachweist, daß nicht wenig von dem, was man als Hahnemanns "homöopathische" Lehre kennt und (dogmatisch) hochhält, nichts anderes als damalige Medizin ist. Es war vor allem Boissier de Sauvage (1706-1767), ein Wortführer der praktischen Richtung in der Medizin des 18. Jahrhunderts, aus dessen Werk manches, was wir nicht vermutet hätten, von Hahnemann aufgegriffen wurde, u.a. die Miasmennatur von
Krankheiten. Vor allem waren es die Schwierigkeiten mit der homöopathischen Heilung der chronischen Krankheiten, die Hahnemann zuletzt zur Erweiterung seiner Lehre mit ehemals verworfenen Elementen der traditionellen Medizin zwangen.

3. Hahnemanns Lehre von der Natur der chronischen Krankheiten (Zusammenfassung)
Ursprung des "Miasmenproblems"

Es gibt nur drei chronische Krankheiten: Syphilis, Sykosis und Psora. Diese sind miasmatischer, das heißt ansteckungsbedingter Herkunft. Die Ansteckung erfolgt von Mensch zu Mensch. Nach erfolgter Ansteckung ergreift das betreffende Miasma den ganzen Organismus, und zwar augenblicklich. Erst dann bildet sich ein Hautsymptom (Lokalsymptom) aus, worin sich die drei Miasmen bekunden: der Schanker der Syphilis, die Feigwarzen der Sykosis und der Krätzausschlag der Psora.Läßt man dieses Lokalsymptom stehen, ohne es durch eine Behandlung zu vernichten, oder verschwindet es nicht von selbst, was bei der Psora vorkommen kann, dann entwickelt sich die innere miasmatische Krankheit zwar latent weiter, was die Vergrößerung des gleichsam zu ihrer Beschwichtigung entstandenen Lokalübels befördert, bricht aber selbst nicht aus.
Verschwindet aber das Lokalübel oder wird es, was meistens der Fall ist, durch ärztliche Kunst vernichtet, kommt es zum manifesten Ausbruch der chronisch-miasmatischen Krankheit mit allen zerstörerischen, letztlich letalen Folgen. Daraus ergibt sich, daß die bisherige (allöopathische) Medizin, indem sie in der Meinung, das Lokalsymptom sei ,nur lokal' und seine Behebung heile schon die ganze Krankheit, konsequent dieses wegnimmt, die Hauptschuld am Ausbruch der ("sekundären") chronischen Krankheit trägt. Ihre Rolle ist auch deshalb so verhängnisvoll, weil sie die chronische Krankheit, die ohne eine homöopathische Kunstheilung bis zum Tode andauern würde, durch neue iatrogene Leiden verstärkt und so durch die Komplikation der natürlichen chronischen Krankheit mit einer chronischen Arzneikrankheit auch für die Homöopathie schließlich unheilbar macht. Syphilis und Sykosis können sich ebenfalls komplizieren, d.h. als zwei für sich bestehende Krankheiten den Patienten befallen, es kann sich auch jede der beiden mit Psora komplizieren. Eine dreifache Komplikation von Syphilis, Sykosis und Psora hat Hahnemann nur ein paarmal gesehen (I, 11), im Gegensatz zu den heutigen "Miasmatologen" , bei denen solche Komplikationen schon fast der Normalfall sind! Das weitaus wichtigste Miasma ist die Psora. Ihr ist die weitaus größte Anzahl aller chronischen Übel (Hahnemann spricht von sieben Achteln, während sich das übrige Achtel auf Syphilis und Sykosis verteilt) anzulasten. Die Psora ist daher die "allgemeinste Mutter" der chronischen Krankheiten (I, 17), die "einzige Quelle" der unzähligen (nicht venerischen) chronischen Leiden der Menschheit, die von der Pathologie fälschlich
durch eine Unzahl von eigenen Namen als abgesonderte Krankheiten unterschieden werden. Die Psora ist aber auch zugleich das älteste chronische Miasma aus vorgeschichtlichen Zeiten. Im Altertum findet man sie hauptsächlich auf der Haut als Aussatz/Krätze, im Mittelalter tritt sie als St. Antoniusfeuer und wieder als Aussatz auf, in der Neuzeit mildert sie sich wieder zu Krätze ab, wobei die (von Hahnemann an gerechnet) letzten dreihundert Jahre erst jene unzähligen, mehr oder weniger schweren chronischen Krankheiten zum Ausbruch kommen ließen, mit denen wir es zu tun haben.


4. Hahnemanns Weg zur Lehre von der Natur der Psora

Den eigentlichen Anstoß zu den "Chronischen Krankheiten" hatte (s. o.) die vorläufige, scheinbare Unheilbarkeit der nicht-venerischen chronischen Krankheiten gegeben, ihre Natur und Heilung war Hahnemanns Hauptgegenstand. Am Ende fand sich, daß diese unzähligen angeblichen Einzelerkrankungen im Lebensverlauf sämtlich nur eine einzige chronisch-miasmatische Krankheit bilden, die Psora. Die Heilung der beiden anderen chronischen Krankheiten, Syphilis und Sykosis, wird zwar zur systematischen Abrundung des Werks auf 4 bzw. 11 Seiten(Psora 60 Seiten!) abgehandelt, aber die Frage nach ihrer Natur wird nicht ebenso, wie für die Psora gestellt. Vielmehr wird sie, was zu beachten ist, für die Erforschung der Psora vorausgesetzt. Dabei liegt allemal das argumentative Gewicht auf der Syphilis, bei der sich Hahnemann auf sicherem Boden fühlt, während die Sykosis zurücktritt, wie Hahnemann sie überhaupt mit einer gewissen Reserve behandelt.
Der etwas gewundene Weg, den Hahnemann zur Entdeckung und Sicherung seiner Psoralehre gegangen ist, führt über eine Reihe von Beobachtungen und Analogieschlüssen. Er läßt sich etwa folgendermaßen nachzeichnen:

Erste Beobachtung (I, 6-7):
Die scheinbar isolierten Einzelerkrankungen eines chronischen Verlaufs bilden zusammen die vollständige Gestalt der chronischen (nichtvenerischen) Krankheit. Der Arzt muß daher "möglichst den ganzen Umfang aller dem unbekannten Urübel eigenen Symptome erst erkennen", um das Mittel entsprechend diesem Vollbild der Krankheit finden zu können.


Erster Analogieschluß (I, 7-8):
Analog zur chronisch-miasmatischen Syphilis, deren Bestehen auch bei bester Konstitution, Diät und Lebensweise erst mit dem Tode endet, müssen auch die übrigen chronischen Krankheiten, die dasselbe Verhalten aufweisen, ebenfalls chronisch-miasmatische Krankheiten sein.

Zweite Beobachtung (I, 8):
Die endgültige Heilung dieser nichtvenerischen chronischen Krankheiten erwies sich fast stets dann als für die Homöopathie unmöglich, wenn sich anamnestisch eine vorausgegangene Krätzeansteckung ausmachen ließ. (Die Krätze war damals in unvorstellbarer Weise in allen sozialen Schichten verbreitet, kaum jemand blieb von ihr verschont. Die napoleonischen Kriege taten ein übriges, um die Situation zu verschärfen. D. h. die Wahrscheinlichkeit, daß jeder aus welchen Gründen auch immer Chronischkranke mit der Krätze Bekanntschaft gemacht hatte, war fast total.) Als das gesuchte, allen Teilmanifestationen gemeinsame Miasma der nichtvenerischen chronischen Krankheiten, erwies sich also das Krätzmiasma. Hahnemanns medizinischer Name dafür ist "Psora" (griech. Krätze, Räude).

Zweiter Analogieschluß (I, 8-9):
Analog zur Heilung der psorischen chronischen Krankheiten mit bekannter Krätzeansteckung durch die antipsorischen Mittel müssen auch die chronischen Krankheiten ohne bekannte Krätzeansteckung, die aber durch antipsorische Mittel geheilt werden konnten, ebenfalls psorischer Natur sein.

Dritter Analogieschluß (I, 10; Org. V, § 103):
Analog zu den miasmatisch-epidemischen Seuchen, bei denen die einzelnen Individualerkrankungen nur einen Teil der Gesamtsymptomatik aller Erkrankungen dieser Epidemie darstellen, so daß deren Gesamtsymptomatik erst aus der Summe der Symptome aller Einzelerkrankungen gewonnen werden kann, muß der gesamte Umfang der Psorasymptomatik ebenfalls aus der Summe der Symptome aller Krätzeangesteckten gewonnen werden. (Diese Überlegung ist maßgeblich für Hahnemanns Auffindung der antipsorischen Arzneien.)

Vierter Analogieschluß (I, 15; 17 ff.):
Analog zur Syphilis (Sykosis), wo nach erfolgter Ansteckung das Miasma bereits den ganzen Organismus in Besitz genommen hat, bevor sich das Lokalübel (Schanker, Feigwarze) ausbildet, so daß dessen Vernichtung keine Heilung mehr bewirken kann, muß auch die sofortige und gänzliche Besitznahme des Organismus durch die Psora ebenfalls bereits vor Auftreten des Krätzeausschlags erfolgt sein, so daß dessen Vernichtung keine Heilung bewirkt, die Psora also ungeheilt weiterbesteht. (Wichtig für die Erklärung der Konsequenzen dermatologischer oder volksmedizinischer Krätzeheilungen.)

Fünfter Analogieschluß (I, 100):
Analog zu den chronischen Krankheiten bestimmten Hergangs, die nachweislich auf Krätzeansteckung (Psora) zurückgehen, müssen auch die chronischen Krankheiten gleichen Hergangs ohne Nachweisbarkeit einer Krätzeansteckung ebenfalls psorischer Natur sein. Aus der durchgängigen miasmatischen Herkunft aller nicht-venerischen chronischen Krankheiten (erster Analogieschluß) und aus dem universellen Vorkommen des Krätzmiasmas bei diesen allen (zweite Beobachtung) ergibt sich für Hahnemann, daß die Psora (außer Syphilis und Sykosis) die einzige Natur aller übrigen chronischen Krankheiten ausmacht. Zu den angeführten Analogieschlüssen ist zu bemerken, daß der Analogieschluß zu den sogenannten Wahrscheinlichkeitsschlüssen gehört, das heißt, daß die Schlußfolgerung nur Wahrscheinlichkeit, keinesfalls aber Sicherheit
beanspruchen kann. Die Bedeutung von Analogieschlüssen ist eigentlich mehr heuristischer Natur, sie liefern (Arbeits-) Hypothesen. Hahnemann ist sich auch trotz seiner faktischen Überzeugung von der Wahrheit seiner Psora-Theorie (besser ,Psorahypothese') ihres hypothetischen Charakters völlig bewußt, wie aus der letzten der neu hinzugefügten psorabezüglichen Anmerkungen im Organon VI, der Anmerkung zu § 284, eindeutig hervorgeht ("Psora-Theorie"). Und er ist sich auch der Möglichkeit der Falsifizierung seiner Theorie bewußt, wenn er sie auch - legitim für ihn, für uns verständlich - nicht in greifbarer Nähe sieht. Man vergleiche dazu in den "Chronischen Krankheiten" die letzte, in der 2. Auflage erst angebrachte Anmerkung 2 (I, 99-100): Negantis est probare. Es ist nicht schwer, die Psorahypothese Hahnemanns zu falsifizieren, was aber eine eigene Abhandlung erfordern würde, wofür hier nicht der Platz ist. Dasselbe trifft auf einen weiteren Versuch Hahnemanns, seiner Psorahypothese Geltung zu verschaffen, zu. Er versuchte nämlich in den "Chronischen Krankheiten" auch noch historische Belege für die Psora und deren Eigenschaft als "älteste" bekannte miasmatische Krankheit beizubringen (I, 11-17). (Damit gewinnt er auch ein Argument für die ungeheure Vielgestaltigkeit, die dieses Miasma bei seinem Durchgang durch viele Generationen und zahllose Individuen gewonnen hat.)

5. Miasmen heute?
Hahnemann hat in klarer Einsicht in die Bedingungen der wissenschaftlich-homöopathischen Arzneiheilung (Org. VI, § 3) diese Heilkunst von jedem Einfluß, d.h. faktischem Einfließen hypothetischer Annahmen in die Realisation dieser Heilungsbedingungen freigehalten. Nach wie vor blieb auch nach Fertigstellung der "Chronischen Krankheiten" für das eigentliche ärztliche "Heilgeschäft" die Maxime "Heilung durch Symptomenähnlichkeit" einzig und unverändert in Kraft. Auf den Symptomen des Chronischkranken ruht seine Heilung, nicht auf seinen angenommenen Miasmen und ihren Mischungen. Alles was Hahnemann im Organon VI und in den "Chronischen Krankheiten" an praktischen Anweisungen für die Heilung der chronischen Krankheiten gegeben hat, kann, recht verstanden (etwa als ein heute zu wenig ausgeschöpfter Beitrag zur speziellen Behandlung von gewissen Hautkrankheiten), nützlich der eigenen Praxis zugeführt werden.
Leider ist die klassische Homöopathie, fasziniert von subjektiven spekulativen, neognostischen, weltanschaulichen usw.Theoriebildungen oder auch aus einem mißverstandenen starren Festhalten an einer "reinen Lehre", Hahnemann auf dem klar gewiesenen Weg nicht gefolgt. Obwohl seit hundert Jahren die "Miasmen" als Mikroorganismen und Parasiten mit ihrem jeweils spezifischen biologisch-symbiontisch pathogenen Verhalten bekannt, ja sichtbar zu machen sind und auch evident geworden ist, daß keineswegs alle chronischen Erkrankungen primär infektiöser Herkunft sein müssen, feiert in der homöopathischen Praxis die alte Miasmentrias in den merkwürdigsten Interpretationen wie in orthodoxer Buchstäblichkeit fröhlichüppige Urständ. Was kann diese Trias heute besagen?

Syphilis: Das kann, wie schon für Hahnemann, für uns nichts anderes als eben die Syphilis sein, die der Patient hat oder gehabt hat (AHZ 228 [1983], 12-16).

Sykosis: Bei Hahnemann schwankt ihr Begriff. Immerhin begegnen wir heute den viralen spitzen Kondylomen in manchen Zusammenhängen, nicht nur mit der Gonorrhoe. Auch die Gonorrhoe selbst treffen wir an, akut, chronisch. Wir haben die Nosode der ,Sykosis' (= Medorrhinum) aus ihr gewonnen. Wieso haben wir eigentlich - Hahnemanns Anregung viel getreulicher folgend - bis heute keine Feigwarzennosode? Die Sykose dagegen bleibt heute begrifflich ebenso verschwommen wie die von ihr bezeichnete Wirklichkeit. Auf ihr zu beharren, bliebe ohne Hand und Fuß und Sinn.

Und die Psora? Sie besitzt keine medizinische Realität. Historisch ist sie als auf unvollständigen Voraussetzungen bauende, notwendig falsche Hypothese zu verstehen. Heute haben wir es mit einer Mehrzahl festständiger infektiös-chronischer Erkrankungen und auch mit einer Mehrzahl, auf kein Ur-Miasma zurückführbarer nichtinfektiöser chronischer Krankheiten, die wir homöopathisch im Namenlosen lassen können, zu tun. Die echten Erbkrankheiten und erblich disponierten chronischen Erkrankungen zählen ebenfalls zu den gewissermaßen festständigen Erkrankungen chronischer Natur. Die Abgrenzbarkeit eigentlicher Geschlechtskrankheiten hat sich verwischt; sie sind im Grunde festständige chronische Infektionskrankheiten wie andere auch; der zufällig vorwiegende Übertragungsmodus ändert an ihrer Natur nichts. Es gibt, wie Hahnemann richtig gesehen hat, die komplizierten chronischen Krankheiten. Verstehen wir sie zu heilen? Es gibt die sensationelle Neuigkeit "Aids" und die alltäglichen Plackereien mit den iatrogenen chronischen Impfkrankheiten der Kinder. Real kann für uns nur die auf eine vollständigere und gesicherte Erfahrung gegründete Pluralität des chronischen Krankseins unserer je konkreten Patienten sein, nicht eine imaginäre Miasmentrias und Psoramythologie.

Dank Hahnemann können wir die chronischen Krankheiten nach Symptomenähnlichkeit heilen. Gegenüber der Zeit vor den "Chronischen Krankheiten" sind dem homöopathischen Arzt dazu noch zusätzliche Aufgaben gestellt; Eingehende Befragungen, Achten auf Nebensächliches, Befassung mit der Diät und der Lebensweise, Behebung krankheitsunterhaltender und heilungshindernder Umstände, um einige zu nennen. In den ehemals "antopsorischen" Arzneien finden wir die nötigen "chronischen" Arzneien, zu denen seit Hahnemann weitere gekommen sind und deren Vermehrung uns aufgetragen ist.

Wenn die Homöopathie und vor allem ihr Nachwuchs wieder den freien Blick auf die unmittelbaren Phänomene unserer Heilkunst zurückgewinnt, dann werden uns Hahnemanns "Chronische Krankheiten" zum lebendigen Begleiter und unentbehrlichen Helfer in der täglichen Praxis.

Heiden, Ostern 1988 Dr. med. W. Klunker


Vorwort
zur ersten Ausgabe 1828

Wüßte ich nicht, zu welcher Absicht ich hier auf Erden war - "selbst möglichst gut zu werden und umher besser zu machen, was nur in meinen Kräften stand" - ich müßte mich für sehr weltunklug halten, eine Kunst vor meinem Tode zum gemeinen Besten hinzugeben, in deren Besitz ich allein war und welche daher, bei ihrer Verheimlichung, mir fort und fort möglichst einträglich zu machen, bei mir stand. Indem ich aber der Welt diese großen Funde mittheile, bedauere ich, zweifeln zu müssen, ob meine Zeitgenossen die Folgerichtigkeit dieser meiner Lehren einsehen, sie sorgfältig nachahmen und den unendlichen daraus für die leidende Menschheit zu ziehenden Gewinn, welcher aus der treuen, pünktlichen Befolgung derselben unausbleiblich hervorgehen muß, erlangen werden - oder ob sie, durch das Unerhörte mancher dieser Eröffnungen zurückgeschreckt, sie lieber ungeprüft und unnachgeahmt, also ungenutzt lassen werden. Wenigstens kann ich nicht hoffen, daß es diesen wichtigen Mittheilungen besser ergehen werde, als der schon bisher von mir vorgetragenen allgemeinen Homöopathie, wo man, aus Unglauben an die Kraft so kleiner und verdünnter (aber, was man übersah, desto zweckmäßiger für ihren homöopathischen Zweck in ihrer dynamischen Wirkungs-Fähigkeit entwickelter) Arznei-Gaben, wie ich sie nach tausend warnenden Versuchen endlich als die zweckmäßigsten der Arztwelt mittheilen konnte, lieber erst Jahre lang mit großen und größern Gaben (meinen treuen Versicherungen und Gründen mißtrauend) die Kranken in Gefahr setzte, und daher (wie zuerst ich, ehe ich zu dieser Herabstimmung der Gaben gelangte) den heilsamen Erfolg gewöhnlich nicht erleben konnte. Was würden sie gewagt haben, wenn sie meinen Angaben gleich anfänglich gefolgt und gerade diese kleinen Gaben zuerst in Gebrauch gezogen hätten? Konnte ihnen da etwas Schlimmeres begegnen, als daß diese Gaben nicht halfen? Schaden konnten sie doch nicht! Aber bei ihrer unverständigen, eigenmächtigen Anwendung großer Gaben zu homöopathischem Gebrauche gingen sie nur, in der That, nur abermals denselben für die Kranken so gefahrvollen Umweg zur Wahrheit, den ich schon, um ihnen denselben zu ersparen, mit Zittern, aber glücklich zurückgelegt hatte, und mußten, nach Anrichtung manchen Unheils und nach vergeudeter schöner Lebenszeit, doch endlich, wenn sie wirklich heilen wollten, an dem einzig richtigen Ziele anlangen, was ich ihnen treulich und offen und mit Gründen längst zuvor schon dargelegt hatte. Werden sie es mit dem ihnen hier mitgetheilten großen Funde besser machen! Und wenn sie's nun nicht besser damit machten - wohl - so wird eine gewissenhaftere und einsichtigere Nachwelt den Vorzug allein haben, in treuer, pünktlicher Befolgung der hier folgenden Lehren, die Menschheit von den unzähligen Qualen befreien zu können, welche von den unnennbaren, langwierigen Krankheiten auf den armen Kranken lasteten, so weit die Geschichte reicht - eine Wohlthat, welche durch das bisher schon von der Homöopathie Gelehrte noch nicht zu erreichen war.



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