Charakteristika homöopathischer Arzneimittel Band 1
von Barthel, Dr. med. Horst
Vorwort:
Wichtiger Hinweis: Medizin als Wissenschaft ist ständig im Fluß. Forschung und klinische Erfahrung erweitern unsere Kenntnisse, insbesondere was Behandlung und medikamentöse Therapie anbelangt. Soweit in diesem Werke eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, daß Autoren, Herausgeber und Verlag größte Mühe darauf verwandt haben, daß diese Angabe genau dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht. Dennoch ist jeder Benutzer aufgefordert, die Beipackzettel der verwendeten Präparate zu prüfen, um in eigener Verantwortung festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung für Dosierungen oder die Beachtung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe in diesem Buch abweicht. Eine solche Prüfung ist besonders wichtig bei selten verwendeten Präparaten oder solchen, die neu auf den Markt gebracht worden sind.
Dem Freund und Mitstreiter
Dr. med. Jost Künzli ? von Fimmelsberg, St. Gallen
in Dankbarkeit gewidmet
"Habe das Herz, Einsicht zu haben"
Spruch nach Horaz aus den Episteln
in der Übersetzung von Hahnemann
Einführung
Hahnemann spricht mit seiner Übersetzung zu Recht das Herz als den Sitz menschlicher Weisheit an. Es ist die Mitte des Menschen und der Sitz der tiefsten personalen Reaktionen des Menschen. Lassen Sie uns Hahnemanns Aufforderung folgen: "Habe das Herz, Einsicht zu haben!" Mit dem "Organon" hat er uns die Lehre der Homöopathie gegeben.
Nach § 153 des "Organon der Heilkunst" in der 6. Auflage sind "fast einzig" die charakteristischen Symptome des Kranken zur Wahl zu nehmen und "müssen sehr ähnliche(n) der Symptomenreihe der gesuchten Arznei entsprechen". Nach dieser speziellen Aufforderung sind in diesem Werk von 115 Arzneimitteln in je einem ersten Abschnitt die differenzierenden Hauptzüge und in je einem zweiten die charakteristischen Symptome des Mittels zusammengestellt. Die 115 Mittel bestehen aus 88 meist gebrauchten und 27 von Kent geprüften Arzneimitteln.
Die erste Quelle für die "Charakteristika" bildet Kent?s Repertory. Die hochgestellten Zahlen der Ergänzungen entsprechen der Numerierung in dem nachfolgenden Literaturverzeichnis. Handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen von Kent sind mit1, Zufügungen aus den "Lectures on Homoeopathic Materia Medica" und "New Remedies" mit 1? gekennzeichnet. Nach Erfahrungen anderer Autoren sind einzelne Symptome anders formuliert und besonders Mittel in einen höheren Grad der Wertigkeit unter gleichzeitiger Benutzung der Kennziffer des zweiten Autors eingestuft, z. B. 1,5 nach Gallavardin.
Künzli hat von über 60 Autoren Symptome und Mittel nachgetragen. Entscheidend für die "Charakteristika" sind die von Künzli in mehr als dreißigjähriger Praxis gemachten Erfahrungen mit dem Herausheben von Mitteln und Rubriken, die ich zuerst mit roten Punkten in mein Repertorium aufgenommen hatte. Sie sind mit der Ziffer +15 gekennzeichnet.
In den "Charakteristika" sind weiterhin die Erfahrungen von P. Schmidt mit den Ergänzungen und den Höherwertungen bis zum 4. Grad und meine eigenen mit der Auswahl aus der Literatur und aus der Fülle der Symptome vereinigt.
Durch die zusätzliche Aufnahme der Arzneimittel aus "A Synoptic Key of the Materia Medica" wird Boger zum Teil mit den Ziffern 3,21 doppelt zitiert.
Erstmalig in der homöopathischen Literatur sind die Allgemeinsymptome der Absonderungen dargestellt. Um sie entwickeln und bei der einzelnen Arzneiwahl miteinander vergleichen zu können, sind auch die Teilsymptome der Absonderungen im Kapitel der Allgemeinsymptome aufgeführt.
Es mögen Kollegen der Ansicht sein, daß es keine allgemein verbindlichen charakteristischen Symptome gäbe. Sie denken dabei aber nur an die spezielle Erfahrung, daß ein Symptom beim Kranken ins Gegenteil umschlagen kann, wie z. B. das Verlangen auf Weinbrand in Abscheu, und dadurch auffallend wird. Dagegen aber haben Hahnemann und die letzten fünf Autoren17-22 mit der Lehre allgemein gültiger Charakteristika recht.
Die Symptome sind in beiden Abschnitten nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema von Hahnemann und Kent geordnet. Die Charakteristika sind auf die 12 verschiedenen Rubriken auffallender Symptome der klassischen Homöopathie verteilt, wobei einzelne Symptome aus anderer Sicht auch in eine andere Rubrik eingeteilt werden könnten.
Die Charakteristika lassen sich am besten in folgende 12 Rubriken, erläutert an je drei Beispielen von Phosphorus, differenzieren:
1. Das Symptom ist ohne jede Modalität auffallend an sich: Verlangen nach Mitgefühl, dauernde Bewegung der Nasenflügel bei Pneumonie, Bleistiftstuhl.
2. Das Symptom fällt durch die Modalität auf: Arbeitswut vor den Menses, Erbrechen nach dem Trinken kleinster Mengen, muß beim Husten die Brust mit beiden Händen halten.
3. Das Symptom fällt durch die Lokalisation auf: Rechtsseitige Struma, rechtsseitige Hüftgelenkschmerzen, nachts kalte Knie.
4. Das Symptom fällt durch Gefühle auf: Anus wie offen; Gefühl, ein Stück Fleisch hängt im Kehlkopf; Gefühl von allgemeiner Leere.
5. Das Symptom fällt durch seine Erstreckung auf: Schnupfen erstreckt sich zur Brust, Jucken erstreckt sich von der Bifurkation bis zu den Sinus, Steißschmerzen erstrecken sich beim Stuhlgang zum Scheitel und ziehen den Kopf nach hinten.
6. Das Symptom fällt durch Beginn, Verlauf und Ende auf: Kopfschmerzen nehmen mit der Sonne zu und ab, chronische Hepatitis, Schmerzbeginn und -ende allmählich.
7. Die Kombination konträrer Symptome ist auffallend: Gleichgültig gegen geliebte Personen; Mangel an Lebenswärme, aber Wärme <; kleine Wunden bluten stark.
8. Auffallend durch die Periodizität: Kopfschmerzen jeden 7. Tag, < im Sommer, < im Winter.
9. Abwechselnde Symptome fallen auf: Weinen abwechselnd mit Lachen, Stockschnupfen abwechselnd mit Fließschnupfen, Obstipation abwechselnd mit Diarrhoe.
10. Auffallend durch die Abfolge: Nach unterdrückten Menses blutiges Erbrechen, nach unterdrückten Hämorrhoiden Hämoptoe, Symptome von der rechten zur linken Seite wechselnd.
11. Auffallend durch vikariierende Symptome: Vikariierende Nasenblutungen, Mensesblutungen, allgemeine Blutungen.
12. Auffallend durch das Fehlen von zu erwartenden Symptomen: Durstlos im Fieber; vermehrtes sexuelles Verlangen, aber ohne Erektionen; Schwäche durch den geringsten Blutverlust.
Die Charakteristika sind in dem Repertorium zum direkten Anwenden in der Praxis nach den Symptomen geordnet.
Zum Schluß sei noch ein kurzer Blick in die Welt der Märchen erlaubt. Es treten dort Menschen mit der Begabung auf, Tierstimmen zu verstehen, die sie zum Ziele führen. Analog dazu wird der Arzt, der die Symptome als Klage und Hoffnung des leidenden Organismus versteht, zum Heilmittel geführt.
D-69259 Wilhelmsfeld, Alte Römerstr. 70, Juli 1983
Dr. med. Horst Barthel