Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel - Band 1-3
von Seideneder, Armin
Vorwort:
Der Griff zur Arzneimittellehre während oder nach erfolgter Anamnese und Repertorisation ist oft unerläßlich, um in Erwägung stehende Mittel auszuschließen oder zu bestätigen. Daneben ist das notwendige Studium der Materia medica immer wieder hilfreich und weist neue Wege im Verstehen des Patienten auf -gerade was dessen individuelle Geistes- und Gemütssymptome angeht, und erst recht bei der Frage nach dem, was mit der "Idee der Krankheit" dieser Person gemeint sein könnte.
Häufig nimmt jedoch die Suche kein Ende, da "... bei allem anscheinenden Reichtum an Hilfsmitteln zur Benutzung unseres Arzneimaterials, es uns doch immer noch an einem Werk fehlt, welches zweckmäßige Einrichtung, möglichste Kürze und notwendige Vollständigkeit so miteinander vereine, daß der Suchende alles, was er begehrt, so schnell als möglich nicht nur auffinden, sondern auch mit dem Ähnlichen vergleichen und in seiner Eigentümlichkeit unterscheiden könne. "So der verehrte Georg Heinrich Gottlieb Jahr im Vorwort zu seinem "Ausführlichen Symptomen-Kodex der homöopathischen Arzneimittellehre", 1848.
Heute, 150 Jahre später, hat die homöopathische Heilkunst eine bewegte Geschichte hinter sich, mit Bruderzwist, Zerschlagung, Desinteresse, Stagnation und mühsamer Restauration. Sie schickt sich an, wieder als das zu gelten, was ihr einer ihrer eindruckvollsten Lehrer, Constantin Hering, in seiner Doktorarbeit zudachte - die Medizin der Zukunft.
Während im Europa beider Weltkriege der homöopathische Gedanke schier untergegangen war, lebte vor allem in Indien und Südamerika der Keim weiter und trug reiche Früchte. Der derzeitige faszinierende "Aufschwung" der Homöopathie in den Industrienationen wäre ohne dieses Weiterwachsen "im Exil" nicht denkbar. So kann sich die jetzige Generation von Homöopathen bzw. homöopathisch praktizierender Therapeuten mit Dankbarkeit und Achtung auf einen Erfahrungsschatz vieler homöopathischer Lehrer und Meister aus zwei Jahrhunderten stützen und verfügt über einen schier unübersichtlichen Fundus an Arzneimittelprüfungen und Fallschilderungen, auch der neueren Zeit.
Was bisher fehlt, ist der Überblick über dieses Wissen, die Dokumentation dieses Fortschritts auch im Bereich der Materia medica bzw. innerhalb einer Materia medica, die gleichzeitig den Anforderungen der täglichen Praxis entspricht. Das vorliegende Werk MITTELDETAILS der homöopathischen Arzneimittel stellt meine Bemühung dar, dieses Wissen innerhalb eines übersichtlichen und praktikablen Werkes zu vereinen.
Die MITTELDETAILS zeigen innerhalb ihrer Fülle und Detailliertheit die Feinstrukturen eines Arzneimittels auf, gleichsam wie die Farbpunkte eines Gemäldes. Die Übersicht entsteht auch hier durch den Prozeß des Zurücktretens und Abstandnehmens vom Werk (wie auch vom Patienten), da ein Mittelbild erst dann in seinem Zusammenhang erfahren wird, wenn das Augenmerk wieder von den Einzelsymptomen genommen wird. Bei dieser Vorgehensweise verwende ich die MITTELDETAILS vorwiegend dann, wenn es nötig, ist spezifische Feinheiten und besondere Eigenheiten zu erkennen.
Insgesamt fanden Symptome und Informationen aus rund 150 Quellen Eingang in die MITTELDETAILS (1200 Arzneimittel). Neben den umfangreichen alten Quellen - Hahnemann, Jahr, Noack und Trinks, Hering, Allen usw. -sind ausführlich neuere Prüfungen, Erfahrungen und Erwägungen zum Gemütsbild, sowie andere Details vieler Arzneimittel enthalten: von Candegabe, Coulter, Masi-Elizalde, Ortega, Paschero, Sankaran, Vithoulkas und vielen anderen namhaften Autoren.
Neben der umfassenden Darstellung der geistigen Symptomatik der Mittel, sind die physischen Aspekte der Arzneien ebenfalls ausführlichst präsentiert - wobei sich selbstverständlich auch hier die Informationen aus den traditionellen Quellen mit neueren Erkenntnissen und Erfahrungen ergänzen. Widersprüche zwischen verschiedenen Quellen wurden gegenübergestellt dokumentiert. Dies gilt sowohl für die allgemeine Darstellung als auch für die einzelnen Symptome und Modalitäten.
Ausgangspunkt war Kent's Repertory, aus dem (analog Agrawal's "Materia Medica of the Human Mind") zunächst von allen dort vertretenen Mitteln sämtliche Gemüts- und Schlafsymptome sowie Verlangen und Abneigung extrahiert wurden.
Nun wurden die "klassischen" älteren Quellen eingearbeitet und angeführt, v.a. Hahnemanns, Jahrs und Herings Prüfungen und Symptomensammlungen. Gerade die Kraft und Wortmalerei der orginalen Prüfsymptome gibt ein plastischeres Bild der Krankheit als es eine gestraffte, repertoriumsorientierte Aufzählung zu leisten vermag. Hinter jedem einzelnen Symptom wird dessen Quelle angegeben. Um rasche Differentialdiagnosen zu ermöglichen wurden, v.a. bei allen kleineren Rubriken, die Hinweise auf die Vergleichsmittel mit deren Wertigkeit angegeben.
Die Verbindung der übersichtlichen Symptomendarstellung in prägnanter Kurzform mit originalen Prüfungssymptomen vermeidet verstümmelte, "seelenlose" Repertoriumsextraktionen einerseits und sich wiederholende Aneinanderreihungen auch nur halbwegs ähnlicher (sich oft nur durch etliche Übersetzungsprozesse unterscheidender) Prüfungssymptome in voller Länge andererseits.
Trotz größter Sorgfalt und Aufmerksamkeit sind vereinzelte, aus den Quellen übernommene Fehler bei der vorliegenden Materialfülle unausweichlich und mögen bei aufmerksamen und kritischen Praktikern Verständnis finden. Ich bitte alle Kolleg(inn)en, mir diesbezügliche Anmerkungen, Hinweise und Korrekturen zukommen zu lassen. Da eine wesentlich erweiterte zweite Auflage bereits geplant ist, bitte ich auch um weitere gesicherte Arzneimittelsymptome und -Prüfungen.
Armin Seideneder
Karlsruhe - Durlach, den 7.4.1997
Geleitwort
Es ist Bewegung in die Homöopathie gekommen. Weltweit werden wieder Arzneimittelprüfungen durchgeführt. Sie erweitern die Homöopathie nicht nur um neue Mittel, sondern vertiefen auch unser Verständnis von den bekannten. Dabei ergeben sich zwei Richtungen der Weiterentwicklung - die symptomorientierte und die verständnisorientierte.
Bei der symptomorientierten Weiterentwicklung geht es um die exakte Beschreibung detaillierter Einzelphänomene, wie sie auch im sich bescheiden gebenden Titel MITTELDETAILS zum Ausdruck kommt. Diese Tradition wird in der Homöopathie seit Hahnemann ausgiebig gepflegt. Durch die Computertechnologie hat sie in jüngster Zeit einen enormen Aufschwung erlebt. Ein Buch wird nie die Fülle aller verfügbaren Einzelsymptome so vollständig wiedergeben können wie eine große Computerdatei. Hier kann also nicht der eigentliche Wert dieses Buches liegen.
Bei der verständnisorientierten Weiterentwicklung der Homöopathie geht es um etwas anderes, um den Zusammenhang, in dem die Einzelelemente miteinander stehen und den sie bilden. Es geht um das Bild über die Punkte hinaus, um den Wald über die Bäume hinaus, um die Idee und das Wesen des Arzneimittels. Diese Entwicklung hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Aufschwung erlebt, z.B. durch die Einbeziehung der Träume in Arzneimittelprüfung, Anamnese und Therapieverlauf.
Der besondere Wert dieses Werkes von Armin Seideneder liegt meines Erachtens darin, daß er all die Informationen aus der homöopathischen Literatur zusammengesucht hat, die etwas Wesentlicheres zum Verständnis des Ganzen beizutragen versprechen.
Dazu hat er mit den Gemüts- und Schlafsymptomen, den Verlangen und Abneigungen aus Kents Repertorium angefangen, mit den alten, klassischen Autoren weitergemacht und sich über Gandegabe, Coulter, Masi-Elizalde, Ortega, Paschero, Sankaran, Vithoulkas und viele andere bis in die Gegenwart vorgearbeitet. Das ist in diesem Umfang völlig einzigartig. Natürlich freut es mich, daß er viele Beiträge, die mit "auf meinem Mist gewachsen" sind, dabei aufgenommen hat. Sie sind mit den Hochzahlen 137 und 181 gekennzeichnet.
So hat er eine gelungene Verbindung von traditionell-klassischer und moderner verständnisorientierter Homöopathie geschaffen, die ich für sehr ausgewogen halte. Ganzheitliche und einzelsymptomorientierte Aspekte halten sich gut in der Waage. Durch die übersichtliche Kennzeichnung der Autoren wird es dem Leser einfach gemacht, die Autoren hervorzuheben, die seiner jeweiligen Veranlagung besonders entsprechen und sie mit den anderen in Beziehung zu setzen. So trägt dieses Werk möglicherweise zur Verständigung der homöopathischen Einzelrichtungen und ihrer Beziehungen bei. Das möchte ich ihm und uns an dieser Stelle wünschen.
Freiburg, 4. 4. 1997 Jürgen Becker