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Grundlagen und Praxis der Homöopathie !!Mängelexemplar!!

von Buschauer 
Vorwort:
Vorwort

Hervorragende Köpfe ihrer Zeit, etwa ein Erasmus von Rotterdam, Leibnil oder Moliere hatten für die Medizin nicht viel mehr als ätzende Kritik oder gar Hohn und Spott übrig. Im Zeitalter der Aufklärung, als sich die Revolution in der Philosophie, wie man es damals empfand, auf weite Bereiche des Lebens - ausgesprochen oder unausgesprochen - auswirkte, als die Revolution in der Chemie ihren Teil dazu beitrug, das Industriezeitalter heraufzuführen mit allen seinen Problemen für die Bevölkerung - und mithin auch für die Ärzte - sollte freilich auch die Arzneiwissenschaft gleichziehen. Dabei war man in der Medizin gerade erst daran, die Fragwürdigkeit der überkommenen Theorien und Systeme für die ärztliche Praxis zu erkennen. In Wien, so gut wie in Paris, hofften einsichtige Ärzte, mit einem Rückgriff auf Hippokrates einen sicheren Boden für die Praxis unter die Füße zu bekommen.
In Frankreich war damals im Gegensatz zu Deutschland, wo sich die romantischen Ärzte für J. Borns System mit Vorliebe erwärmten, dieses scheinbar so einleuchtende System fast unbeachtet geblieben. Prominente Ärzte wie P. Pinkel hatten dort schon bald davor gewarnt, weil es dem Geist der Beobachtung in der praktischen Medizin zuwiderlaufe. Eine nach diesem System im voraus kalkulierter Therapie - etwa nach dem Grade der Erregbarkeit -hielt Hahnemann mit vorsichtigem Beifall C. Hufelands für einen absurden Einfall eines unpraktischen Büchergenies. Was gerade dieses Beispiel des Brownschen Systems lehren kann, darauf wird noch zurückzukommen sein.

Hier interessiert vor allem schon Hahnemanns wegen zunächst einmal, welcher Geist einst in Wien, der civitas hippokratica der damaligen Welt wehte, wo ein A. de Haen das cartesianische Maschinenmodell vom Menschen als leeres Geschwätz abtun konnte. Freilich war der sensualistisch-empirische Hippokrates der älteren Wiener Schule keineswegs der historische (E. Lesky). Der Hippokratismus, unter welchem Namen diese Zeitströmung in die Geschichte einging, war gekennzeichnet durch das Bestreben, die Medizin nach sensualistischen und empirischen Erkenntnismitteln auszurichten. Eine möglichst unvoreingenommene Beobachtung sollte gerade auch in der Therapie wegleitend sein. Leeres Beobachten war damit allerdings licht gemeint, der Arzt mußte eine gewisse Vorstellung haben, von lern, was er beobachten wollte. Kants Definition des Wortes Beobachtung (für die "organisierten Wesen") lautete treffend "methodisch" angestellte Erfahrung - ein Sammeln von Erfahrungen nach einem Fingerzeig (aus einer bestimmten Vorstellung heraus) mit Hilfe einer dafür geeigneten Methode. So hatte Hahnemann es verstanden, wie aus einem Vorgehen in der Praxis zu belegen ist.

Hahnemann, nach dem Urteil eines bekannten Zeitgenossen, ein seltener Doppelkopf von Philosophie und Gelehrsamkeit, der nach einen eigenen Worten von der älteren Wiener Schule als Arzt entscheidend geprägt worden war, hat auf der geistigen Grundlage des Sensualismus (Condillac) und Empirismus seine neue Lehre konsequent aufgebaut. Jahrzehnte später hat der französische Arzt und Medizinhistoriker P. Renouard dieses gedankliche Konzept Hahnemanns in seiner in mehreren Auflagen erschienenen Schrift "Lettres philosophiques ..." anhand der einschlägigen Stellen bei Hahnemann beschrieben. Das Entscheidende war, daß Hahnemann mit unermüdlichem Fleiß und praktischem Geschick seine reformerischen Ideen in die Tat umgesetzt und laufend publiziert hat. Das ungeheure Aufsehen, das er damit bei Ärzten und Laien erregte, hat sich weit über eine engere Heimat hinaus in einer im Laufe der Zeit fast unübersehbar gewordenen Literatur niedergeschlagen. Mit stetig wachsendem Interesse verfolgen seither auch die mündig gewordenen Laien Rückschläge und Fortschritte in der Medizin, was einst nur einigen wenigen vergönnt gewesen war.

Gut ein Jahrhundert später hat sich der um die Qualitätssicherungen der Therapie bemühte Chirurg A. Bier, zusammen mit dem Homöopathen A. Stiegele. getreu der hier vorangestellten Devise Billroths, über neue Wege auf diesem so wichtigen, aber auch höchst schwierigen Gebiet Gedanken gemacht. Ein Blick dazu in die Medizin- bzw. Therapiegeschichte hatte sich ihm als nur wenig ergiebig erwiesen, da etwa über die Lehre Hahnemanns dort meist nur Urteile von Autoritäten wiederholt wurden, die oft keine Ahnung von der Praxis hatten. Im Hinblick etwa auf die damals hoch im Kurs stehende unspezifische Reizkörpertherapie mußte Bier resignierend bekennen, daß trotz langjähriger, intensiver Bemühungen von den verschiedensten Seiten alle Beobachtungen mehr oder weniger auf Täuschungen beruhten. Als eine der wenigen Ausnahmen in der Geschichte hatte er dagegen rühmend die von einer erstaunlichen Beobachtungsgabe zeugenden Funde Hahnemanns hinsichtlich Dosierung, Intervall, Erstverschlimmerung, Spätwirkung (auch Interaktion) usw. der Arzneien an seinen Kranken hervorgehoben, die so wichtig seien wie seine Arzneiuntersuchungen an Gesunden. Glücklicherweise sah sich Stiegele mit durch diese unerfreuliche Erfahrung Biers mit der Medizingeschichtsschreibung ermuntert, dem weitblickenden, dadurch für die Medizingeschichte interessierten Industriellen Robert Bosch den Ankauf der Hahnemann-Sammlung , R. Haehls und später der Paracelsus-Sammlung zu empfehlen, die nunmehr zur sachgerechten (auch die gedankliche Entwicklung nachvollziehenden und damit für eine Urteilsgewinnung aus heutiger Sicht brauchbaren) Auswertung hier erhalten geblieben sind. Zweifelsohne sind Hahnemanns noch fast vollständig vorhandene Krankenjournale mit das wertvollste Gut.

Aufgrund dieser regelmäßigen Niederschriften über die Behandlung seiner Patienten hatte sich Hahnemann über lange Zeit in damals ganz unüblicher Weise Rechenschaft gegeben. Fast auf der Höhe seines Ruhms war er mit seinen neuen, aus der Praxis gewonnenen Erfahrungen an die Öffentlichkeit getreten. Freimütig hat er eingestanden, daß in langen Jahren ein großer Teil seiner chronisch Kranken ungeheilt geblieben sei. Dazu hatte er unter Berücksichtigung damals moderner Erkenntnisse in der Medizin Überlegungen angestellt, welche Wege zur Verbesserung der Resultate seiner Therapie beschritten werden könnten. Hatte dieses Verhalten, mit dem er der Tradition der älteren Wiener Schule alle Ehre machte, einst viel Verwirrung unter seinen Schülern gestiftet, so erntete er mit seinem so undogmatischen Vorgehen auf der anderen Seite unüberhörbar Beifall. Kein Zweifel, Hahnemann war unverrückbar fest dabei geblieben, die Medizin so, wie er auch immer wieder schrieb, als eine reine Erfahrungswissenschaft zu betrachten. Sein Beispiel zeigte, daß man sich in der Therapie allein an der Praxis zu orientieren habe. Dieses so wesentliche, ungern zur Kenntnis genommene, weil überaus schwer und mühsam in die Tat umzusetzende Postulat hat erst in der jüngsten Zeit seine volle Anerkennung in der Wissenschaft gefunden.

Vom Autor wird der neue Weg Hahnemanns nachzuzeichnen versucht, in der Hoffnung, dadurch Hahnemanns Denken aus seiner Zeit verständlich zu machen. Er tut dies aus der Überlegung heraus, daß mehr oder weniger eigenmächtige Interpretationen der Lehre Hahnemanns nur unnötig schaden könnten. Vielleicht ohne es zu wissen, befindet sich der Autor dabei in weitgehender Übereinstimmung mit den Gedanken, die der von Bier geschätzte Medizinhistoriker P. Diepgen seinerzeit in seiner Arbeit "Die Lehre von der Konstitution in der vialistischen Medizin" vorgetragen hat. Wenn dieser dort abschließend ausführte, daß mit dem Vitalismus der Blick der Ärzte von der Theorie weg auf das Ganze gerichtet worden sei, und daß die Beziehungen der Konstitution zur Krankheitsdisposition letzten Endes dem ärztlichen Blick von Jahrtausenden entsprungen seien, so klingt dies, zumal für den Anfänger, freilich wenig ermutigend. Sollen aber die Praktiker mit ihrer Therapie warten müssen, bis die medizinische Wissenschaft für alle Fragen in der Praxis Patentlösungen bereithält? Sind nicht noch immer der ärztliche Blick und die Intuition in der Praxis unverzichtbar?

Die sogenannten Außenseitermethoden mögen nicht zuletzt durch die stetigen Intentionen aus dem Publikum und ihre bekanntermaßen weite Verbreitung in der heutigen ärztlichen Praxis kaum noch diesen Namen verdienen. Daß man dieser Realität nunmehr eher bereit ist, Rechnung zu tragen, dürfte in vielerlei Hinsicht von Vorteil sein. Insbesondere, wenn sich die Universitäten im Sinne eines pluralistischen Denkens in der Therapie damit ernsthaft auseinandersetzen, kann dies zu einer wohltuenden Versachlichung der Diskussion führen. Nicht zuletzt müssen die Lehrer solcher "Außenseitermethoden" ihren künftigen Kollegen über ihr therapeutisches Vorgehen und ihre praktischen Erfahrungen in Wort und Schrift Rechenschaft geben, nicht anders wie dies einst Hahnemann tat.

Als ein besonderes Verdienst des Autors ist es deshalb zu werten, daß er am Schluß seiner Ausführungen zur Geschichte und Theorie der Homöopathie auf eine dogmatisch-sektiererische Gedankenrichtung in der moderneren Homöopathie hinweist, die, wie zu zeigen war, zu Hahnemanns Grundkonzept nicht paßt. Von einer solchen Einstellung ist tatsächlich zurecht anzunehmen, daß diese gerade das Denken ausschließe, das eine Erfahrungswissenschaft verlangt. Unaufhaltsam müsse es dazu kommen, schrieb schon Diepgen über eine ähnliche geistige Strömung, die Romantik in der Medizin, daß man das eigentlich Wissenschaftliche im Spekulativen sehe, wodurch man von der induktiv-empirischen Methode abgelenkt werde. Genau aus demselben Grund hatten damals, wie schon erwähnt, tonangebende dem Hippokratismus zuneigende französische Ärzte (ebenso wie Hahnemann in Deutschland) Borns bestechendes System abgelehnt, durch das alles in der therapeutischen Praxis so einfach erklärt und machbar schien. Kein Wunder, daß Hahnemanns Lehre Zielscheibe von Angriffen gerade auch von Seiten der romantischen Ärzte war. Halte man sich stets das Wort aus D. Demarques "Sémiologie Homéopathique" vor Augen: "Un mauvais clinicien, aimait à répéter Fortier Bernoville, ne deviendra jamais un bon homéopathe."


Heinz Henne

Stuttgart, den 26. Oktober 1981



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