Enders? Homöopathische Hausapotheke - 10. überarbeitete und erweiterte Aufl. 2007
von Enders, Dr. med. Norbert
Vorwort:
Es ist schon erstaunlich, wieviele Menschen - Ärzte und Patienten eingeschlossen - die Genauigkeit des homöopathischen Wissens, das wunderbare Konzept der zugrundeliegendenden Naturgesetze, die präzise methodische Ausübung und die empirische Erfahrung noch nicht kennen und doch instinktiv wahrnehmen, daß die Homöopathie wesentlich ungefährlicher, tiefgreifender und erfolgreicher wirkt als die Allgemeinmedizin, deren Allgegenwärtigkeit sie sich bisher anvertrauten.
Ich verfalle jedoch nicht dem Irrtum zu glauben, allein mit dieser nackten Feststellung Menschen für die homöopathische Heilweise begeistern zu können. Dem fernöstlichen Annehmen, Gewährenlassen und Sich-Bewähren steht das westliche "Warum" im Wege. Letzterem ist mit leicht zu erbringenden Begründungen genüge zu tun: Homöopathie kümmert sich um den ganzen Menschen. Besonders dort, wo ein Mensch chronisch leidet und wenig krankhafte Befunde zu erheben sind, dort, wo ein Mensch nicht mehr nach Pauschalnormen funktioniert, wo seine Willensstärke, seine Widerstandskraft, sein lebendiges Vermögen gegen alle Erwartungen versagt, liegt die wahrhaft heilsame Domäne der homöopathischen Arznei. Denn die Befindlichkeit des kranken Menschen ist eine höher zu schätzende Tatsache als jegliche Befunde der klinischen Medizin.
Unkritische Spaßvögel behaupten, Homöopathie sei eine psychotherapeutische Placebotherapie. Gewiß, für den homöopathisch behandelnden Laien, für den Homöopathen oder den medizinischen Fachmann ist ein mitfühlendes Herz und ein liebevolles Verständnis für den kranken Mitmenschen notwendiges Fundament seines Handelns. Der heutige Patient jedoch ist - meist aus langjähriger Enttäuschung - empfindlicher geworden für das, was in einer Praxis, besonders in einer homöopathischen, geschieht.
Nur Trostworte, nur Hoffnungsvermittlung oder nur Instrumente, die die Wahrnehmung nicht ersetzen, ergeben noch kein eigenständiges Therapiekonzept. Letzteres hingegen nimmt die Homöopathie allerdings - zu Recht - für sich in Anspruch. Wir therapieren eben nicht die Diagnose, sondern diagnostizieren die Therapie durch ein exakt definiertes Aufsuchen der heilenden Arznei.
Und das Geheimnis der Exaktheit ist nicht die Pauschalisierung von Kranken durch Zuordnung von Diagnosen, sondern das Geheimnis besteht in der Individualisierung der Leidensformen eines Menschen. So werden homöopathisch mündige Laien und homöopathische Behandler zu Künstlern des Möglichen im Leben, wobei das Mögliche zwar verborgen, aber dennoch vorhanden ist. Das kann eine "moderne Medizin" bisher nicht von sich behaupten.
Nicht nur das funktionelle Regulationsvermögen unterliegt der wundersamen Wirkungsweise der homöopathischen Arznei, auch die leiblich manifeste chronische Erkrankung findet ihre Heilung, wenn wir die wissenschaftliche Exaktheit der homöopathischen Krankheitslehre anwenden. Wir müssen die Schichten der Chronifizierung schälen wie eine Zwiebel, Hülle um Hülle, müssen die tiefliegenden Krankheitsbedingungen der Vererbungslehre respektieren, müssen die Bilder der homöopathischen Arzneien in unserem Blut tragen, um sie in den Bildern wiederzuerkennen, die uns der chronisch leidende Mensch in all seinen Schichten bietet.
Weniger bekannt, aber desto eindeutiger erfolgreich, ist die homöopathische Wirksamkeit bei akuten Erkrankungen und Notfällen. Akutes hat seine eigene Begrenzung. Entweder man erholt sich oder man stirbt. Von solchen Krisen soll in diesem Buch die Rede sein, um das Sterben zu verringern, um mehr Leben zu ermöglichen.
Um das zu verinnerlichen, brauchen wir neue Einstellungen in unserer Philosophie des Krankheitsprozesses. Bakterien, Viren und Pilze zeigen nur eine Milieustörung an. Sie sind nur Indikatoren, nicht Initiatoren einer Erkrankung. Deshalb gilt es, Bakterien, Viren und Pilze nicht zu vernichten, sondern das Terrain, auf dem sie gedeihen, das Milieu, zu sanieren. Ein schlecht durchblutetes Milieu ist ein Leckerbissen für Mikroben, Pilze und Würmer und wird dadurch zum Nährboden für allerlei Krankheitsprozesse. Die homöopathische Arznei wirkt nun nicht nur auf das lokale Geschehen, sondern auf die Gesamtheit des erkrankten Menschen. Dadurch wird jener im Zuge seiner Heilung für alle Indikatoren zum ungenießbaren Wirt, den sie kurzerhand wieder verlassen.
Es ist jedoch keine zwingende Auflage, daß sie all das verstehen, bevor Sie die erste homöopathische Arznei für eine akute Störung auswählen und verabreichen. Vieles lernen wir im Zuge unserer zunehmenden Erfahrung. Und um diese kostbare Erfahrung geht es. Jetzt und immerdar!
Also üben wir, das kranke Bild wohl zu beobachten, zu unterscheiden, um uns für das entsprechende Bild der Arznei zu entscheiden. Denn nur das Üben ist es, was uns wahrlich zum Besseren wandelt. Und jedem wahrhaft Übenden steht sein Schöpfer bei, damit nichts schiefgehen kann. Um die Philosophie der homöopathischen Theorie kümmern wir uns später.
Der medizinische Laie, der seine Gesundung und die seiner Lieben selbstverantwortlich tragen und deshalb homöopathisch mündig werden will, ist zur Selbstbehandlung geradezu prädestiniert. Es steht ihm nicht das medizinische Faktenwissen im Wege, was ihm erlaubt, die Sprache des Leidenden arzneilich umzusetzen. Die für das Leid zutreffenden Arzneien voneinander zu unterscheiden und sich für eine, die entsprechendste, zu entscheiden, vermittelt dem Hilfesuchenden eine ungeheure Sicherheit, die sich ihm unausgesprochen mitteilt. Er fühlt sich wohl, die eigenen Worte seiner Beobachtungen und einfache Erklärungen der Zusammenhänge in der Entwicklung seines Leides gebrauchen zu dürfen. Er fühlt sich durch unser Zuhören bestätigt, fühlt sich ernst genommen, angenommen, wohlverstanden und heimisch. Das schenkt ihm und uns die Einsicht in unvermeidliche Beschwerden, die, geduldig ertragen, uns wandeln sollen.
Zu diesem Unterfangen wünsche ich Ihnen jenen vertrauenden Mut, den Kinder noch besitzen, wenn sie sich von der fünften Treppenstufe herab in unsere Arme fallen lassen. Versuchen Sie es, es klappt! Zu guter Letzt habe ich diese "Hausapotheke" für Ihr Selbstvertrauen neu konzipiert, so daß Sie jetzt in Mußestunden übersichtlicher nachlesen und im Notfall rascher nachschlagen können.
Es verbleibt mir, aus tiefem Herzen meinen Verlagsfreunden zu danken, meinem einfühlsamen Ko-Krebs-Gestirn Silvia Mensing, meiner skorpionisch-arbeitssamen Gabi Müller, meinem merkantil versierten, gemütlichen Klaus Hitzschke und meinem stets wohltuenden Rolf Lenzen. Mit ihnen wurde dieses Patientenbuch möglich. Jeder hat das Seine dazu beigetragen.
Idstein/Taunus, im Herbst 1998
Dr. med. Norbert Enders