Die Reise einer Krankheit
von Jus, Dr. M. S.
Vorwort:
Für Hahnemann ist das Leben bestimmt von der Lebenskraft, einem selbstregulierenden, dem Menschen innewohnenden vitalen Prinzip. Falls die Lebenskraft sich in Harmonie befindet, so erhält sie uns gesund. Eine Störung derselben führt zu Krankheit, und ihr Fehlen bedeutet Tod. Ihr verdanken wir unser Leben und unsere Lebendigkeit.
Das menschliche Leben ist ständig Veränderungen ausgesetzt. Jahreszeiten, Wetter und Temperatur sind in stetigem Wechsel, genauso wie Freud und Leid, Gewinn und Verlust, Stress und Erholung. Solange unsere Lebenskraft vital genug ist, haben äussere Veränderungen keinen sichtbaren Effekt auf unsere Gesundheit. Normalerweise können wir eine grosse Menge an Schwierigkeiten, Druck und Stress problemlos verkraften. Aber es kann auch vorkommen, dass ein verhältnismässig geringer Anlass zum Ausbrechen einer unheilbaren Krankheit führt. Zum Beispiel kann ein Kind, welches beschuldigt wird, ein wenig Schokolade gestohlen zu haben, eine Hirnhautentzündung entwickeln, oder eine kleine Verletzung am FUSS kann in eine Blutvergiftung übergehen. Ein solches Ereignis zeigt uns zwei Dinge:
1. Das menschliche Leben ist vergänglich.
2. Krankheiten haben viel tiefere Wurzeln, als es zunächst scheint.
Wir alle kennen Leute, welche sich einer guten Gesundheit erfreuten und kaum je krank waren, aber plötzlich hat eine kleine Verletzung, der Tod einer geliebten Person oder eine andere Störung eine schwerwiegende Erkrankung ausgelöst. Hahnemann erkannte, dass es in uns drinnen etwas geben muss, was uns für Krankheiten empfänglich macht. Er nannte diese dem Leben feindlich gesinnte Kraft «Miasma». Oft sind simple Auslöser wie ein Diätfehler, Überessen, zuviel Alkohol oder Kaffee, verdorbene Speisen, zuviel Sonnenexposition, Unterkühlung im Wind, Nasswerden im Regen, ein Geschäftsverlust, ein emotionaler Schock, Ärger, Freude etc. der Anlass, dass wir krank werden. Es kann sein, dass wir dann mit Schnupfen, Blasenentzündung, Magen-Darm-Grippe, Migräne, Fieberschüben, Nesselfieber, Rückenschmerzen oder irgendetwas anderem reagieren. Die Anfälligkeit für derartige Akutkrankheiten ist in erster Linie auf das Vorhandensein einer latenten Psora zurückzuführen, dem ersten von Hahnemann identifizierten Miasma. Die eigentlichen Krankheitserscheinungen wie Entzündung, Ausfluss, Bakterienbefall etc. sind dann lediglich die Folge der Schwächung der Lebenskraft durch das Miasma.
Hahnemann hat auch beobachtet, dass homöopathische Medikamente wie Aconitum, Belladonna oder Ignatia dem Patienten in einer Akutkrankheit sehr schnell Hilfe bringen können, aber eine dauerhafte Heilung im Sinne einer reduzierten Krankheitsanfälligkeit vermochten sie nicht zu bewirken. Er erkannte in Zuständen wie Grippe, Durchfall, Masern, Scharlach, Angina oder Migräne zwar akute Ausbrüche eines miasmatischen Grundleidens, die Entstehung von chronischen Krankheiten wie Epilepsie, Asthma, Diabetes, Rheumatismus etc. konnte er sich zu Beginn seiner Praxistätigkeit jedoch noch nicht erklären, denn damals war er sich des Unterschiedes zwischen akutem und chronischem Miasma noch nicht bewusst.
Hahnemann hat wiederholt die Beobachtung gemacht, dass eine korrekt gewählte Arznei nur teilweise oder nur für eine kurze Zeit wirkte. Er musste feststellen, dass immer wieder Rückfälle auftraten oder dass sich das Krankheitsgeschehen von einer Stelle einfach an eine andere verlagerte. Eine gewisse Zeit nach Abklingen der Stirnhöhlenvereiterungen traten neu z.B. Hüftgelenksbeschwerden auf, oder eine Anfälligkeit für Husten wurde abgelöst durch eine solche auf Migräne. Daher begann er sich für den tieferen Grund der Krankheitsanfälligkeit des Menschen zu interessieren, und er ist dieser Frage in der Folge unermüdlich nachgegangen.
Er begann, peinlichst genaue Anamnesen zu erheben. Jeder Patient, der ihn mit einer chronischen Krankheit aufsuchte, musste präzise berichten, wann sein aktuelles Leiden begonnen hatte, welche Krankheiten er davor hatte und woran seine Eltern, Grosseltern und übrigen Blutsverwandten litten, soweit sich deren Geschichte zurückverfolgen liess.
Nach zwölf Jahren akribischer Arbeit war Hahnemann überzeugt, dass Miasmen, falls sie nicht ausgeheilt werden, einen chronischen Charakter annehmen und bei der Zeugung eines Kindes auf die nächste Generation übertragen werden können. Er hat erkannt, dass chronische Krankheiten häufig auf dem Boden von solchen ererbten chronischen Miasmen entstehen. Ihr Ursprung liegt oft so weit zurück, dass es manchmal unmöglich ist, den wahren Auslöser und Beginn zu eruieren.
Hahnemann hat sich auch sehr intensiv mit der Suche nach tiefwirkenden Arzneien beschäftigt, welche die Fähigkeit besitzen, chronische Miasmen auszukurieren. Dabei hat er den Wert der heute als Polychreste bekannten Mittel wie Sulfur,
Natrium muriaticum, Calcium carbonicum, Silicea, Mercurius etc. entdeckt. Miasmen sind die Kräfte, welche im Gegensatz zur Lebenskraft stehen. Deshalb müssen wir die Miasmen und nicht die Lebenskraft angehen, wenn wir den Patienten heilen wollen. Wenn die Lebenskraft durch eine Störung unter Druck gerät, so produziert sie Krankheitssymptome. Diese Symptome entlasten einerseits die Lebenskraft, d.h., sie sind nötig, damit trotz der Störung eine gewisse Balance beibehalten werden kann. Andererseits sind die Symptome auch ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass sich die Lebenskraft in Schwierigkeiten befindet, und mahnen uns, etwas für sie zu tun. Erscheinen also Symptome am Körper, so wurden diese zwar als Selbstschutz von der bedrängten Lebenskraft produziert, doch trägt sie nicht die Schuld daran, dass wir leiden. Verantwortlich dafür ist das dem Menschen innewohnende Miasma, welches seine Lebenskraft schwächt. Bei der Behandlung von Patienten müssen wir uns dieser Tatsache stets bewusst bleiben. Wenn ein Patient z.B. Nasenbluten entwickelt, welches nach einer schnellen Verschreibung von Hamamelis zwar prompt verschwindet, dafür später von einer Gehirnblutung gefolgt wird, so haben wir die Sprache der Lebenskraft nicht verstanden und den wahren Schuldigen nicht erkannt, da wir die Arznei auf das Symptom hin verschrieben und das darunterliegende Miasma nicht beachtet haben.
Miasmen sind die verborgenen dynamischen Kräfte, welche uns für Krankheiten empfänglich machen. Sie bestimmen auch die Art und Intensität der Krankheit der einzelnen Person gemäss ihrer individuellen Konstitution. Keine ernste chronische Krankheit kommt aus heiterem Himmel, sondern hat ihre Vorgeschichte, welche sich in den Symptomen vor ihrem Ausbruch zeigt.
Bei homöopathischer Behandlung von Krankheiten lässt sich folgendes Heilungsgesetz beobachten: Die jüngsten Symptome verschwinden zuerst, und ältere Symptome kommen in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens zurück und heilen ab. Zur Zeit Hahnemanns gab es sehr viele Tuberkulose-Kranke. Bei deren Befragung stellte er fest, dass diese Patienten zuvor oft an Hautausschlägen gelitten hatten. Im Verlaufe der Behandlung traten diese Hautausschläge bei gleichzeitiger Besserung der Lungensymptomatik jeweils wieder auf.
Eine hübsche junge Frau mit Akne, starker Nervosität und kolikartigen Menstruationsbeschwerden kann nach Einnahme eines homöopathischen Mittels erfreut sein über die prompte Besserung ihrer Akne, der wahre Homöopath kann über einen
solchen Verlauf aber nicht glücklich sein, da es sich hier um eine homöopathische Unterdrückung handelt, denn die Besserung der Haut hat in diesem Fall nicht erste Priorität. Gemäss dem natürlichen Heilungsgesetz sollte zuerst eine grössere psychische Ausgeglichenheit, ein verbesserter Schlaf und eine Verminderung der Menstruationsschmerzen eintreten. Die Hautprobleme dürfen erst zuletzt abklingen.
Der Arzt, der einen miasmatischen Zustand oder eine miasmatische Krankheit unterdrückt, handelt gegen die Natur und ihr Heilungsgesetz.
Je nach miasmatischem Hintergrund ist es möglich, dass im Verlaufe der Therapie Hautausschläge in Form von Rötungen, Allergien, Nesselfieber, Akne, Abszessen, Furunkeln etc. auftreten. Auch vermehrtes Wasserlassen und starkes Schwitzen kommen vor. Bei hyperaktiven Kindern (POS-Syndrom, minimale cerebrale Dysfunktion) habe ich oft hohes Fieber oder Durchfall als Reaktion auf die homöopathische Arznei gesehen. Dies sind alles verschiedene Arten, wie sich die Lebenskraft von schädigenden Einflüssen reinigt. Diese Phänomene sind vorübergehend und sollten auf keinen Fall irgendwie behandelt werden, auch nicht mit einer Zwischengabe eines homöopathischen Akutmittels.
Ich habe oft Patienten gesehen, welche unter grossen beruflichen oder familiären Problemen standen und auf die korrekte Arzneimittelgabe mit Hämorrhoiden oder perianalem Juckreiz reagierten. Manche Frau mit chronischen Depressionen entwickelt starken Juckreiz an der Scheide, während sich ihr Gemütszustand bessert.
Bei einem solchen Verlauf der Behandlung ist der Homöopath oft versucht, dem Druck des Patienten nachzugeben und ein entsprechendes Zwischenmittel zu verschreiben. Falls er dies tut, kann es geschehen, dass dieses - subjektiv unangenehme - Symptom für immer verschwindet, dass damit aber der Heilungsprozess definitiv gestört ist und nicht mehr in Gang gebracht werden kann. Z.B. kann nach einer Gabe von Psorinum ein Ekzem stark aufblühen, und der Homöopath gerät aufgrund des grossen Juckreizes und der schmerzenden Hautrhagaden unter Druck. Jetzt heisst es ausharren, denn die Patientin sieht im Allgemeinen besser aus, ist ruhiger geworden und hat einige Pfunde ihres Übergewichtes verloren. Jeder Mittelwechsel und jede Arzneisalbe würde störend wirken und den Heilungsprozess der Lebenskraft gefährden. Nur falls dieser Zustand lebensbedrohlich wird oder schon sehr lange anhält, dürfen wir eine weitere Arzneigabe erwägen.
Bei der Behandlung einer chronisch-miasmatischen Krankheit braucht es viel Geduld, sowohl vom Patienten wie auch vom
Homöopathen.
Entfernung der Gebärmutter wegen eines Myoms oder Entfernung eines Knotens in der Brust bringt keine Heilung. Was entfernt wurde, entspricht nur der Frucht der Krankheit. Eine Frau mit mehreren Fällen von Brustkrebs in der Familiengeschichte kann eine grosse Angst vor Krebs haben. Das Skalpell des Chirurgen erreicht aber diese tiefsitzende, miasmatisch begründete Furcht nicht. Was er entfernt, ist nur die Frucht oder das Produkt der Krankheit.
Es ist wahr, dass gewisse Symptome manchmal sehr stark sein können, gewisse Schmerzen kaum auszuhalten. Unser Aussehen kann in solchen Momenten alles andere als gesellschaftsfähig sein. Doch was hat eine schöne Haut mit Gesundheit und Heilung zu tun? Man darf die Worte des eigenen Schutzengels nicht in den Wind schlagen. Weshalb müssen wir für unsere Krankheit immer zu sogenannten Spezialisten rennen? Diese kennen meist nur die exakte Diagnose der Krankheit an der Oberfläche und die genau auf diese Beschwerden beschränkte Prognose. Wenn nach deren Behandlung weder von Auge noch mit dem Mikroskop, weder im Röntgen-, Ultraschall- oder MRI-Bild etwas festgestellt werden kann, so werden die Restbeschwerden psychisch genannt, und bald braucht man einen Psychiater.
Viele der sogenannt modernen Ärzte sind sich dessen bewusst und würden sogar gerne den von Hahnemann aufgezeigten Weg gehen. Aber um dies zu tun, müssten sie sich ein völlig neues Konzept von Leben, Krankheit und Heilung aneignen. Es ist schwer für sie, sich dermassen radikal zu ändern. Deshalb bleiben viele dabei und behandeln Neurodermitis weiterhin mit Cortisonsalben (schon der Name «Neuro»-Dermitis deutet ja daraufhin, dass die wahre Ursache bei den Nerven und nicht auf der Haut liegt), Verstopfungen mit jahrelangen, endlos wiederholten Laxantiengaben, Schlaflosigkeit mit Hypnotika etc. Die Homöopathie gewinnt zur Zeit ständig an Popularität. Vor allem der grossen Unterstützung seitens der Patienten ist es zu verdanken, dass sie zum führenden System innerhalb der Alternativmedizin aufsteigen konnte.
Es war immer mein Wunsch, meine Arbeiten Medizinern und Laien gleichermassen zur Verfügung zu stellen. Was ich in diesem Buch darzustellen versucht habe, ist der Ursprung der Krankheitsentwicklung wie sie von Hahnemann, Kent und Bose verstanden wurde. Ich möchte miterleben, dass die Menschen zunehmend weniger krank sind. Jeder einzelne Patient sollte den inneren Grund für seine äussere Krankheit auffinden. Hautrötungen, Pubertätsakne, Wallungen in der Menopause, etwas Ausfluss oder analer Juckreiz brauchen nicht immer die stärkste aller Behandlungen. Was zuerst nötig ist, ist eine gründliche Prüfung der inneren Situation.
Patienten oder Patientinnen, deren gegenwärtigen Beschwerden sich nach einer Hämorrhoidenoperation, einer Warzenentfernung oder einer «erfolgreichen» Behandlung eines Hautausschlages mit Dermatologika entwickelt haben, sollen wachgerüttelt werden, damit sie denselben Fehler nicht noch einmal begehen.
Kurz gesagt ist es das Ziel dieses Buches, die verstümmelnden Auswirkungen von unterdrückenden Behandlungen offenzulegen, welche nicht auf den natürlichen Heilungsgesetzen basieren. Wahre Homöopathen haben den strengen Gesetzen zu folgen, welche bereits von Hahnemann erkannt und formuliert wurden.
Da das revolutionäre homöopathische Konzept von Gesundheit und Krankheit manchen sehr fremd sein mag, wurden gewisse Punkte und Aussagen absichtlich wiederholt und von verschiedenen Seiten beleuchtet.
Der zweite Teil des Buches basiert zum Teil auf meinen Vorlesungen. Um grösstmögliche Authentizität und den direkten Kontakt zu den Lesern zu bewahren, ist der Sprachfluss der Vorträge weitgehend beibehalten worden.
Am Ende der Beschreibung jedes einzelnen Miasmas folgt eine systematische Auflistung der zugehörigen Symptome. Diese ist v.a. für die Homöopathen unter den Lesern gedacht und soll ihnen das rasche Zuordnen eines Symptoms zum entsprechenden Miasma erleichtern. Ich hoffe, dass sich das vorliegende Buch dadurch als wertvolles und unentbehrliches Hilfsmittel für die tägliche Praxis erweisen wird.
Aus Dankbarkeit zu meinen Kollegen und Studenten hatte ich den langgehegten Wunsch, dieses Thema so in Buchform zu
bringen, dass sie selbst ebenso davon profitieren können wie unsere Patienten.
Meinen homöopathischen Mitstreitern offeriere ich diese Arbeit als meine persönliche Erfahrung, und für meine eigenen Schüler in der Schweiz, in Deutschland und in anderen Teilen der Welt soll dieses Buch als bleibende Erinnerung an das dienen, was wir gemeinsam zusammen besprochen und erlebt haben.
Zug, im Januar 1998
Mohinder Singh Jus