1. Band Bewährte Anwendung der homöopathischen Arznei / Diagnose und Beschwerden
von Enders, Dr. med. Norbert
Vorwort:
Vorwort
Viele Jahre habe ich emsig notiert, was mir die Großen unter den Homöopathen vermittelt haben. Jeder hatte ein "Goldkörnchen" darzureichen, eine "heilende Botschaft", ein "Mosaiksteinchen" aus dem Reich der Arzneibilder. Mit Liebe zum Patientenalltag und mit liebevoller Sorgfalt wurden sie für uns gesammelt, geschöpft aus einem reichen Schatz jahrzehntelanger homöopathischer Praxis. Ihnen allen, und jedem einzelnen unter den Großen bin ich dafür dankbar. Besonders Mathias Dorcsi und seinen Wiener Schülern.
Nun ist es an der Zeit, die gesichteten Notizen, die Botschaften, die Steinchen als zusammengefügtes Mosaik an Sie weiterzugeben. Denn das Lesen und Erarbeiten von Arzneibildern allein hinterläßt meist einen bitteren Nachgeschmack. Wer, wie ich anfangs, über dem augenscheinlich morbiden Kränkeln unseres menschlichen Daseins verzweifelte und noch verzweifelt, den wird die "Bewährte Anwendung der Arznei" wieder erfrischen. Denn sie ist klar, durch zwei Jahrhunderte hindurch erprobt und zu hohem Prozentsatz erfolgreich.
Für den Allgemeinpraktiker und den homöopathischen Anfänger ist sie eine willkommene Hilfe. Einerseits als eine Therapiemöglichkeit angesichts des häufigen Therapienotstandes in der täglichen Praxis, andererseits ist sie eine Lernhilfe zum Verstehen der Arznei und zum Verständnis des Menschen in seiner Krankheit.
Auch für uns Fortgeschrittene ist sie unentbehrlich. Einerseits zur Vertiefung unseres bisherigen Verständnisses um die Arznei, andererseits zur Vertiefung unseres Verstehens um die Krankheitsprozesse im Menschen.
Ganz gewiß unentbehrlich ist sie, wenn unser Geist nach langer Tagesarbeit unfähig wird, schöpferisch nachzuvollziehen, was in unserem Gegenüber im Eigentlichen vorgeht. Dann können wir aus der Kiste der Bewährtheit schöpfen, die wir immer neben uns stehen haben, deren Inhalt wir gut erlernen und stets gegenwärtig haben sollten. Zu gegebener, weniger müden Tageszeit finden wir dann die bessere, tiefergreifende Arznei.
Wenn wir bedenken, daß es Ärzte gibt, die sich ausschließlich dieser bewährten Arznei bedienen und auch Erfolge verzeichnen, dann sollten wir ihren Alltagswert schätzen lernen. Denn die Frage ist ja nur, wie tief ich mit einer Arznei in den Heilungsprozeß eingreifen möchte. Eine oberflächliche, körperliche, leibliche oder gar nur funktionelle Schicht des Erkrankten erreicht sie allemal. Und wenn wir gottgeleitet sind, haben wir das Glück, zufällig besser gewählt und geheilt zu haben, als wir es ahnen.
Wenn wir - unverdienterweise - von einem solchen Heilerfolg erfahren, dann müssen wir die Arzneilehren zur Hand nehmen und nicht nur die Prüfsymptome, sondern mehr noch die biochemischen, pharmakologischen und toxikologischen Daten der erfolgreichen Arznei studieren. Nur so haben wir eine Chance, noch erfahrener zu werden.
Nicht zuletzt gehören auch wir Ärzte zu jenen kranken Menschen, von denen ich rede. Zu oft stellen wir uns außerhalb des Bedarfs einer Arznei und werden somit unfähig, sie in uns zu erleben, sie in uns zu verinnerlichen. Wagen wir, unsere Unvollkommenheit einzugestehen und kosten selbst die Heilwirkung der Arznei, dann werden wir zusammen mit unseren Patienten gesünder, verständiger für uns und verständlicher für andere.
Idstein im Taunus, August 1998 Dr. med. Norbert Enders