Die Potentiale unserer Kinder - Anregungen zur homöopathischen Begleitung für Eltern und Therapeuten
von Achtzehn, Hans - Jürgen
Leseprobe:
Sulfur
Mit dem Schwefel begegnen wir einem der größten Arzneiwesen der Homöopathie. Sulfur-Säuglinge wirken nicht so ernst wie Arsen oder Lycopodium, um ihren Mund befindet sich meist ein freches, neugieriges Lächeln, das zwar nicht direkt an ihr Gegenüber gerichtet zu sein scheint, denn sie lächeln auch oft schelmisch vor sich hin oder in sich hinein, sondern eher ein Hinweis darauf ist, dass sie sich freuen endlich hier zu sein. Sie gähnen sehr häufig und werden sehr schläfrig nach dem Essen. Häufig erwachen sie, weil ihnen zu heiß ist. Viele Sulfur-Babys haben Milchschorf und/oder Ekzeme. überhaupt haben sie eine empfindliche Haut und bevorzugen weiche Baumwolle oder Seide und lehnen synthetische Stoffe, Wolle oder kratzige Wegwerfwindeln ab.
Wenn sie beginnen die Welt zu entdecken, bleibt kein Winkel verschont. Sie sind neugierig, robust, willensstark und extrovertiert und wollen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Allein ihre Neugierde ist schier grenzenlos. Sie müssen alles herausnehmen, anfassen, untersuchen und nicht selten geht dabei etwas zu Bruch. Wie fühlt sich das Ding an, wie sieht es von innen aus, warum klappert es, kann man es werfen, wie......, das sind scheinbar endlose Fragen, worauf der sulfurische Geist Antworten sucht. Insofern ist das Sulfur-Kind immer unterwegs auf Entdeckungstour. Jedes Hindernis wird unter größter Anstrengung aus dem Weg geräumt, denn das Dahinterliegende könnte interessant sein. Verbote und Reglementierungen werden mit allem gebotenen Zorn, Schreien und Toben zunichte gemacht. Niemand darf ihrem Wissensdurst Einhalt gebieten. Für die Eltern beginnt die unruhige Zeit, sowie sich ihr kleiner Spross vorwärtsbewegen kann. Alles Wertvolle muss außer Reichweite getan werden, was nicht bruchsicher ist, gehört in verschließbare Schränke und man kann es sich nicht leisten auch nur eine Sekunde diesen Unruhegeist unbeaufsichtigt zu lassen. Er kennt keine Gefahr, will wissen, was wohl Interessantes auf dem Herd steht, wie man wohl vom Fensterbrett auf die Straße klettern kann usw. Warnungen der Eltern werden in den Wind geschlagen, schon jetzt scheint er zu wissen, dass die Großen nicht immer Recht haben, dass die Wissenschaft sich ständig irrt, allein der Versuch zählt, er will es wissen und zunächst können ihn nur eigenes Leid und Schmerzen etwas vorsichtiger werden lassen. Zwar gelingt es den Eltern ihn scheinbar immer wieder von seinen Versuchen Chaos anzurichten abzubringen, aber eben nur scheinbar. Er kann sich ablenken lassen, aber nicht vergessen, dass dort im anderen Zimmer noch immer dieses Ding steht, das ticktack macht und dessen Rätsel gelöst werden wollen. Wo sich Sulfur aufhält, herrscht Unordnung. Alles bleibt dort liegen, wo es hingeworfen oder hingelegt wurde, alles stapelt sich zu riesigen Türmen und wenn man den Inbegriff eines Kinderzimmers darstellen möchte, dann nimmt man am Besten das eines Sulfurikers. Ordnung ist etwas für die, die zu faul sind um zu suchen und außerdem ist das Weltall aus einem Chaos entstanden. Für sie selbst hat die größte Unordnung noch Struktur, sie wissen, wo sie etwas Bestimmtes finden und nichts Schlimmeres kann ihnen auf dieser Welt passieren, als wenn jemand ihr Zimmer aufräumt.
Sie sind von Natur aus Sammler, in ihren Hosentaschen lagern die Schätze der Straße, ihr Zimmer wird zur örtlichen Müllhalde, denn alles ist wertvoll, alles kann man noch mal gebrauchen und sie haben auch genug Phantasie und Erfindungsgeist um einige dieser wertvollen Artefakte schon jetzt dekorativ in der Wohnung zu platzieren. Überglücklich können sie dann sein, wenn sogar Vater oder Mutter für eines ihrer Kleinodien Verwendung findet.
Natürlich kann man bei diesem Wühlen im Verborgenen nicht sauber bleiben. Sulfuriker sind immer schmutzig, selbst wenn man ihnen saubere Kleidung anzieht, schaffen sie es nicht bis zur Haustür ohne den ersten Fleck. Es ist verblüffend, wie Sulfur den Dreck anzieht. Wenn ein arsenisch geartetes Kind auf dem Spielplatz spielt, dann wird sein weißes Hemd auch abends noch makellos sein, obwohl es mit den anderen Kindern gespielt hat. Beim sulfurischen Kind erreicht man nicht einmal den Spielplatz, ohne dass sich das Kind irgendwo - man weiß nicht einmal wo - schmutzig gemacht hat.
Sobald es geht, wollen sulfurische Kinder selbstständig sein. Sie wollen alles alleine machen, obwohl sie eigentlich dafür noch nicht reif sind. Sie wollen schon alleine essen, wenn sie gerade mal sitzen können. Dabei schmieren sie alles voll und betrachten den Versuch des Essens als Teil einer Untersuchung. Es stört sie überhaupt nicht, dass um sie herum alles in Schmutz und Chaos versinkt, sie waten hindurch oder steigen darüber hinweg. Zu allem Überfluss sind sie nicht selten wasserscheu, so dass sie sich auch nicht gerne waschen lassen und am liebsten mit den Kleidern ins Bett gehen, die sie den Tag über angehabt haben. Natürlich lässt sich auf diese Weise ein Eigengeruch nicht vermeiden, der sie aber selbst nicht stört.
Wenn sie schwitzen, dann wird dieser Geruch mitunter noch verstärkt und wir finden unter ihnen schon Kinder, die stark riechenden Fußschweiß haben können. Ihre Körperöffnungen können gerötet sein, der Po ist immer etwas feucht und juckt furchtbar, wobei ihnen das Kratzen Vergnügen bereitet und sie sich auch nicht in der Öffentlichkeit genieren. Ebenso bohren sie gerne in der Nase und betrachten dort Gefundenes durchaus als kleine Zwischenmahlzeit.
Ihnen ist fast immer zu heiß. Sie sind die ersten im Jahr, die kurze Hosen tragen und sie laufen im Winter noch mit Sandalen durch die Gegend. Wenn man sie als Kleinkinder zu warm anzieht, brüllen sie wie am Spieß und finden auch keinen ruhigen Schlaf. Sie decken sich prinzipiell ab und legen sich lieber auf die kühle Bettdecke als darunter.
Sulfurische Kinder haben eine enorme Willenskraft. Diese Kinder tun nicht, was man ihnen sagt, sie sind richtige Nonkonformisten, wenngleich sie normalerweise gehorsam und nachgiebig sind in Dingen, die ihnen gleichgültig sind. Sie sind aber nicht daran interessiert, Konflikte mit den Erwachsenen in ihrer Umgebung zu provozieren. Wenn sie jedoch wegen ihres Forscherdrangs Ärger bekommen, dann können sie die Konsequenzen akzeptieren, ohne die Sache persönlich zu nehmen. Genauso verfügen sie über einen ausgeprägten Egoismus. Ihre ersten Worte sind oft "mein" und "ich". Wenn sie etwas haben wollen, dann setzen sie weniger ihre Kraft ein als vielmehr ihre Überredungskunst, sie sind verbal streitlustig.
Die Sprache ist eines ihrer wichtigsten Werkzeuge. Sie können Fragen stellen, auf die es keine Antwort gibt. Sie sind fasziniert, wenn Widersprüche aufgedeckt werden. Sie diskutieren schon in ihrer Kindheit, folgen ungern willkürlichen Regeln und fragen oft nach rationalen Erklärungen. In der Schule lernen sie am liebsten autodidaktisch. Sie ziehen es vor ihrer eigenen Inspiration zu folgen und so lange nach weiteren Informationen zu suchen, bis sie meinen es verstanden zu haben. Ihre Art zu lernen besteht oft darin, dass sie versuchen die Grundprinzipien zu begreifen und Faktenwissen zu sammeln um daraus Zusammenhänge zu erkennen. Sie haben einen großen Sinn für mechanische Zusammenhänge und zeigen Scharfsinn, wenn es darum geht herauszufinden, wie bestimmte Dinge funktionieren.
Da sie mehr oder weniger ihrem Lustprinzip folgen, geraten sie notwendigerweise mit den Lehrern in Konflikt. Diese haben ihren Lehrplan und nach dem müssen bestimmte Themen bis zum Jahresende abgearbeitet sein. Das widerspricht aber dem Interesse des Sulfurikers, der gerne an einer Sache in die Tiefe geht und anderes vernachlässigt. Eigentlich ist Sulfur hochintelligent und hätte überhaupt keine Mühe den Lernanforderungen und dem Wissen seiner jeweiligen Klassenstufe gerecht zu werden, er könnte zu den Besten gehören. Doch sein Eigensinn, sein permanenter Widerspruchsgeist und sein Hang zur Diskussion im Dienste der Sache machen es dem Lehrer schwer im Plan zu bleiben. Er wird anfangen den sulfurischen Schüler zu reglementieren, ihn auszubremsen, ihn in seinem Wissensdurst unbefriedigt zu lassen. Das weckt zwar zunächst den Kampfgeist in Sulfur, aber schon bald zieht er sich zurück, geht in die Verweigerung, lernt weniger bis gar nicht mehr, seine Leistungen lassen nach, die Noten werden schlechter usw. Die Lehrer sehen, dass er sich nicht mehr bemüht, faul wird und stattdessen die Aufmerksamkeit der Klasse mit seinen Clownerien auf sich zieht. So folgen weitere Reglementierungen und nicht selten gerät der eigentlich intelligente sulfurische Schüler ins Abseits, bleibt sitzen und tut gar nichts mehr. Er lässt sich von niemandem etwas sagen, steckt härteste Strafen weg und wird zum "hoffnungslosen Fall". In seinen Augen sind natürlich die anderen Schuld, die Lehrer, die Eltern, die Erzieher, der Schulpsychologe, er verliert den Respekt vor ihnen, um so mehr, je unlogischer und willkürlicher ihre Verweise sind und überhaupt, wenn man ihn so lassen machen würde, wie er will, dann.... - er weiß noch nicht, dass auch das ein Trugschluss ist. Wenn aber einer kommt und seinen Forschergeist weckt, dann ist er wieder voll da, begeistert und engagiert. Dann kann er ohne viel Aufwand Höchstleistungen vollbringen und Aufgaben genial lösen. Durch seine unkonventionelle Art zu lernen und dadurch, dass er immer im Hintergrund nach Antworten sucht, wird er später als Erwachsener durchaus in der Lage sein grenzüberschreitende Entdeckungen zu machen.
Kommt der Sulfuriker in die Pubertät, wächst sein Widerspruchsgeist ins Unermessliche. Er stellt alles in Frage, diskutiert nächtelang ohne zu einem Ergebnis zu kommen und, was wesentlich für ihn ist, ohne in die Tat zu kommen. Er weiß alles besser, erst recht das, was die Erwachsenen sagen. Sulfuriker stellen alle Regeln auf den Kopf und die beste Art Macht über ihre Eltern zu gewinnen besteht für sie darin sie zu schockieren, indem sie z.B. rauchen, trinken oder in der Schule versagen. Ihre geistige Entwicklung macht nun Riesensprünge und stellt die Weichen für die Zukunft. In ihnen erwacht der schon immer leicht aktive sulfurische Teufel. Nicht selten träumen sie auch von ihm oder lieben seine Geschichten. Je nachdem, wie der sulfurische Mensch nun seine Fähigkeiten entwickelt, begegnen wir entweder dem Philosophen oder dem praktischen Idealisten.
Der sulfurische Philosoph redet viel und tut nichts. Er liebt es Pläne zu schmieden. Er labert, er schwafelt ("schwefelt"). Er braucht Zuhörer. Er ist sehr gesellig und das am liebsten mit seinen Freunden im Jugendkaffee. Dort diskutiert er gerne und stellt seine Theorien in den buntesten Farben dar. Er hat auf alles eine Antwort und ist der Meister aller Ausreden. Diese geistigen Luftsprünge gehen auf Kosten der Konzentration. Er wird äußerst vergesslich, besonders für Namen. Auf seinem Schreibtisch liegen überall Zettel herum, auf denen steht, was er nicht vergessen wollte. Wenn er in der Schule zu diesem Zeitpunkt mit den Lehrern klar kommt, kann er weiterhin sehr gute Leistungen zeigen ohne viel dafür zu tun. Er diskutiert gern über Gott und die Welt und kommt gern zu dem Schluss, dass Gott in uns allen ist, also auch in ihm und dass er, wenn das so ist, ja Teil Gottes sei und somit auch Gott Teil von ihm und daraus folgt, dass er eigentlich göttlich ist usw. Er ist Egoist, bezieht alles auf sich, "Erst ich! Nur Ich!" und hat die Bedürfnisse seiner Mitmenschen nicht im Auge.
Der praktische Idealist fängt an seine Pläne umzusetzen ohne zu wissen wofür. Er ist ein Improvisationstalent, ein Bastler, einer der mit den Händen arbeitet ohne Ziel, um Dinge auszuprobieren, um Möglichkeiten zu testen, nur mal eben so. Hat er sein Werk vollbracht, schwindet schnell das Interesse, denn fertig zu sein ist langweilig. Wenn er auf Schwierigkeiten stößt, eine Aufgabe nicht lösen kann oder vielleicht spürt, dass ihm dazu mangels Ausbildung die Erfahrung fehlt, lässt er alles in der Ecke liegen, findet Ausreden für sich und seine Freunde und wendet sich einem neuen Projekt zu. Er ist der geborene Erfinder, schon Kinder planen eine Aufsteh- Wasch-Anzieh-Frühstückmachmaschine, die sich selbst reinigt und ihnen alle Arbeit abnimmt.
Sowohl der Philosoph wie auch der Praktiker haben eines gemeinsam: sie kommen nicht ans Ziel. Es geht nicht voran, ihr Wissen geht in die Breite, nicht in die Tiefe. Wenn der Sulfuriker später, z. B. als Student eine Diplomarbeit schreiben soll, dann sucht er zwar Antworten auf eine Frage, aber jede neue Antwort beinhaltet neue Fragen. Auf diese Weise türmen sich auf seinem Schreibtisch die Bücher mit Hunderten von Zetteln und am Ende läuft ihnen entweder die Zeit davon oder sie verzweifeln an der Oberflächlichkeit ihrer Ergebnisse. Dann wiederholen sie das Semester und die Arbeit und dieser Kreislauf beginnt von vorn. Ich habe Patienten erlebt, die, bis sie in die Praxis kamen, schon im 23. Semester waren und ein Ende war nicht in Sicht.
Was wir bisher am sulfurischen Kind entdeckt haben, das ist sein neugieriger Geist, der offen ist für alles Technische und Naturwissenschaftliche, intelligent, wortstark, eigensinnig, chaotisch und immer forschend und suchend.
Ein großer Teil seiner Persönlichkeit fällt aber im Licht dieser eher technischem Betrachtungsweise in den Schatten - seine Gefühle. Schon als Kleinkind mochte er es nicht sonderlich liebkost zu werden, er hat eine Abneigung gegen Annäherung oder er lässt körperliche Zuwendung nur zu, wenn sie zu seinen Bedingungen stattfindet. Die emotionale Entwicklung gerät irgendwann im Laufe seiner Kindheit ins Stocken. Ab hier konzentriert das sulfurische Kind seine ganze Aufmerksamkeit auf seine geistigen Fähigkeiten. So bleibt der Sulfuriker emotional noch als Erwachsener ein Kind. Das sulfurische Kind möchte seine Gefühle nicht zeigen, denn dann würde seine Verletzlichkeit sichtbar werden. Die Wunden, hervorgerufen durch zu harte Kritik, durch Demütigung und Bloßstellung, schmerzen zu sehr. Wie entstehen beim Sulfuriker diese Wunden?
Wenn wir diesen neugierigen, quirligen neuen Erdenbürger noch einmal auf uns wirken lassen - oder wenn wir nur an die Begegnungen in der Praxis denken - dann folgt schnell der Impuls ihm einiges zu verbieten, ihn zu reglementieren und am liebsten würden wir ihn irgendwo an einen Marterpfahl binden um unsere Ruhe zu haben. Eltern von sulfurischen Kindern sind oft überfordert. Entweder sie gewähren ihrem Sprössling alle Freiheiten, dann sind sie selbst nicht mehr Herr im Haus oder sie versuchen ihn zu "erziehen", dann befinden sie sich im täglichen Kampf. Das Sulfur-Kind weiß nichts von Gefahren, Verpflichtungen, Ordnung, gesellschaftlichen Zwängen usw. Es kommt auf die Welt um zu entdecken, neugierig wissensdurstig und ungebremst.
Wenn man ihm alle Freiheiten lässt, dann sucht und agiert es in allen Ecken gleichzeitig, unterliegt einer Flut an neuen Informationen und verzettelt sich. Darum werden alle Eltern früher oder später diesem Treiben Einhalt gebieten wollen und hier und da einen Riegel vorschieben. Dieser Riegel, diese verschlossene Tür ist es, die dem Sulfuriker zu schaffen macht, denn dahinter - wo sonst? - könnte das Geheimnis liegen. Seine Neugierde treibt ihn voran und um die Verbote zu umgehen, fängt er an zu schwindeln. Es sind keine Lügen, die ihm da einfallen, denn er benutzt diese Unwahrheiten nicht um anderen zu schaden, er sagt nur nicht ganz die Wahrheit oder er sagt lieber gar nichts und spielt den Unschuldsengel. Stellen wir uns einmal vor, wir hätten erfahren, z. B. aus dem Fernsehen, wie man Karamellbonbons herstellt. Ganz einfach, etwas Milch und Zucker, heiß machen und umrühren und schon.......ist die Masse hart, unlösbar mit der Pfanne verbunden, vielleicht schon angebrannt. Die neue Pfanne, oh je, wohin damit? Irgendwo verstecken, vielleicht findet sie keiner, vielleicht wird sie ja nicht einmal vermisst? Aber dem ist nicht so, Mutter fragt nach der Pfanne und das sulfurische Kind schwindelt, weiß von nichts, weil...... Das ist der erste Punkt, weil ihm nämlich Strafe droht. Das wütende Gesicht der Mutter wäre noch zu ertragen, auch die Ohrfeige ist hinnehmbar, aber das Verbot nichts mehr in der Küche anfassen zu dürfen ist untragbar, denn es bedeutet, dass er seinem Lebenssinn nicht mehr nachgehen kann, nämlich mit Neugier die Welt zu entdecken. Nun darf er im Wohnzimmer schon nicht mehr spielen, im Keller nicht mit Vaters Werkzeug hantieren, nicht mehr beim Bruder im Zimmer nach verborgenen Schätzen suchen, nicht mehr auf dem Balkon die Marienkäfer "mikroskopieren", nicht mehr....., nicht mehr..... Kurzum er darf der Wissenschaft nicht mehr dienen, sein Leben wäre sinnlos. Also schwindelt er, schiebt es den anderen vorsichtig in die Schuhe, nicht weil er auf sie böse ist, sondern nur, damit es ihn nicht erwischt. Natürlich haben Lügen kurze Beine und die anderen bemerken ein paar seiner Schwindeleien, sie trauen ihm nicht mehr, er droht Zuneigung und Liebe zu verlieren. Egal, die Wissenschaft hat Vorrang, ein Forscher kann sich keine Gefühle leisten, er verdrängt diese emotionale Welt und gibt sich ganz in die Hände des Geistes.
Noch schlimmer wird es für das sulfurische Kind, wenn es den Versuch unternimmt ehrlich und berührbar zu bleiben und dann bestraft wird. Wenn z. B. die Mutter fragt: "Komm schon, sage mir, was du mit der Pfanne gemacht hast, es passiert dir auch nichts." Und unter Tränen - denn es tut ihm wirklich Leid, dass der Versuch gescheitert ist, weniger, dass die Pfanne dabei zerstört wurde - gesteht er sein Missgeschick und dann folgt die Strafe. Das ist Verrat, ein Vertrauensbruch ohnegleichen, das ist unverzeihbar und dagegen hilft nur Rückzug, sich zu verschließen, seine Gefühle nicht mehr zu zeigen und fortan nicht mehr die Wahrheit zu sagen.
Die Freunde eines sulfurischen Kindes sind ideenreich, denn mit ihnen kann man etwas erleben, weil sie jeden mit ihrer Neugierde anstecken können, weil sie viel lachen, nicht nachtragend sind und das ganze Leben wie ein Kinderspielplatz aussieht. Sulfur selbst ist aber relativ unsensibel für seine und die Gefühle anderer und deren emotionale Bedürfnisse. Es kann sein, dass er gar nicht darauf reagiert, wenn andere Menschen Freude oder Trauer äußern, weil er wenig Erfahrung damit hat, solche Gefühle bei sich selbst zu benennen. Er ist meist unfähig Traurigkeit oder Freude wahrhaft zu empfinden und mitunter zweifelt er sogar daran, dass andere solche Gefühle überhaupt haben.
Schon die sulfurischen Kinder beginnen mit ihrem frechen charmanten Lächeln eine Fassade aufzubauen, die im Laufe ihres Lebens immer perfekter wird und den anderen Sorgenfreiheit vortäuscht. Wenn sie mal aus sich herausgehen, dann nur, wenn sie wütend werden, z. B. weil sie jemand angeschwärzt hat. Sie explodieren kurz, denn nach ihrem Motto ist Angriff die beste Verteidigung, entladen sich und schon ist der Vorfall vergessen. Es fällt dem Sulfuriker extrem schwer sich zu entschuldigen oder zuzugeben, dass er im Unrecht ist.
Sulfurische Kinder haben keine Angst, zumindest sagen sie das. Aber in Wirklichkeit haben sie große Angst erwischt zu werden. Das wird bis ins Alter so weitergehen und es kommen noch andere Ängste hinzu, wie die Angst vor einer Gewissensprüfung, Angst um das Seelenheil und Angst um seine Gesundheit. Als Kind kann es noch eine Angst vor Räubern geben, so dass sie vor dem Schlafengehen auch immer nachschauen, ob sich nicht irgendwo einer versteckt hat.
Schon in der Kindheit entwickeln die Sulfuriker eine Ambivalenz zu Autoritäten. Zum einen wünschen sie sich jemanden, der ihnen in ihrem Chaos zur Seite steht, zum anderen haben sie aber immer wieder erleben müssen, dass Autoritäten versuchen ihnen ihre Ansichten, Regeln und Gesetze aufzudrücken und sie damit in ihrem Forschergeist zu behindern oder ihn sogar ganz zu unterdrücken versuchen. Spätestens ab der Pubertät wird er gegen fast jede Autorität Sturm laufen. Sie bitten andere selten um Hilfe, denn Unabhängigkeit ist für sie ein Zeichen von Stärke und um Hilfe bitten birgt für sie die Gefahr die Wunde wieder aufzureißen, die sie als Kinder erlitten haben.
Gedanken zur Begleitung
Wenn das Sulfur-Kind geboren wird, ist es heiß und feurig wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbrechen ist. Seine Energie scheint unerschöpflich zu sein. Trotz seines Ungestüms, trotz der grenzenlosen Neugierde und dem Verlangen in völliger Freiheit alles ausprobieren zu dürfen, hat es den Wunsch nach einer führenden Hand. Sulfuriker tragen das Chaos in sich, sie sind das Chaos in Person und wenn daraus eine Welt geformt werden soll, dann brauchen sie jemanden, der sie modelliert. Aber dieses Formen sollte nicht durch uneinsichtige Verbote oder Reglementierungen erfolgen. Vielmehr brauchen sie jemanden, der mit ihnen zusammen bereit ist, die Welt neu zu entdecken.
Das ist verdammt schwer, denn die Erwachsenen glauben ja die Welt und ihre Regeln bereits zu kennen. Sie haben sich in ihrem System arrangiert, es geht ihnen gut damit und darum muss auch alles so richtig sein, wie sie es gemacht haben. Was das sulfurische Kind fordert, ist eine Rückbesinnung auf die eigene Neugierde. Dieser Wunsch geht von Jungen wie von Mädchen hauptsächlich an den Vater. Er ist derjenige, der bei den sulfurischen Kindern am meisten gefordert ist. Denn das männliche Potential verspricht Struktur, streng im Dienste der Sache. Leider sind es oft aber auch heutzutage die Väter, die hier ihre Position nicht einnehmen. Nicht selten finden wir unter ihnen dann selbst Sulfuriker, die ohne Struktur aufgewachsen sind und nun auch bei ihren Kindern alles laufen lassen.
Wenn wir also einem Sulfuriker Pate stehen wollen, dann sollten wir bereit sein neben dem Erwachsensein, dem Tragen von Verantwortung auch wieder Kind sein zu dürfen. Neugierig zu sein, alles in Frage zu stellen und mal ein bisschen über die Stränge zu schlagen und Lust am Spiel zu entdecken sind gute Voraussetzungen für die Begleitung eines sulfurischen Kindes. Als Erwachsener ist man dann nicht selten erstaunt, wie festgefahren alles um einen herum ist, wie viele Zwänge existieren, deren Gründe man schon gar nicht mehr kennt und welche Wissenschaftshörigkeit man sich angeeignet hat ohne selber nachzufragen oder nachzudenken. Mit einem sulfurischen Kind zu leben, heißt die Welt ein Stück weit neu zu entdecken.
Woher soll ein Kind die Gefahren kennen, vor denen man ein Kind bewahren muss und die die Verbote sinnvoll machen? Am besten man probiert es aus, kontrolliert und unter Aufsicht. Ist eine Herdplatte wirklich heiß? Hand drauf und anschalten. Es gibt keinen besseren Lehrmeister für den Sulfuriker als die Erfahrung und wenn er sie so machen darf, dass kein großes Unglück passiert, dann wird dieses Erleben auch wirklich prägend sein.
Natürlich geht auch mal etwas schief. Es ist viel leichter mit dem Vater zusammen einen Fehler einzugestehen als allein. Fehler gehören zum Lernprozess. Es ist wichtig sie zu machen um aus ihnen zu lernen und nicht um etwas verboten zu bekommen. Es ist wichtig zu lernen wie man Fehler vermeiden oder sie klein halten kann und wenn es dann doch passiert dafür auch einzustehen. Dabei geht es nicht um Strafvermeidung. Im Gegenteil, Strafe muss sein, aber sie darf nichts damit zu tun haben, dass der Sulfuriker nicht weiter forschen darf. Die Pfanne ist kaputt, dafür darf es eine Strafe geben. Selbst eine Ohrfeige im Affekt ist für ein sulfurisches Kind keine Demütigung, sondern sie kann akzeptiert werden, wenn man danach gezeigt bekommt, wie denn nun wirklich Karamellbonbons gemacht werden. Probieren Sie es aus und Sie werden erleben, so leicht ist das gar nicht. Es benötigt vielleicht ein oder zwei Pfannen, aber man kann ja die alten Pfannen nehmen und nicht wie der Sprössling das neueste Modell. Erleben Sie doch einmal wieder selbst, wie Sie Dinge ausprobieren, die Ihnen Ihre Eltern verboten haben. Es macht Spaß und ist für Ihr sulfurisches Kind enorm lehrreich. Ganz nebenbei darf es auch noch erleben, dass man durchaus für seine Fehler einstehen kann, dass es nicht nötig sein muss zu schwindeln und dass das ewige Seelenheil dennoch in Ordnung bleibt. Wie gesagt, es geht nicht um Strafvermeidung, sondern darum nicht den Forschergeist zu behindern.
Auf diese Weise lernt der Sulfuriker lernen. Er wird nicht als "ewiger Student" in der Uni hängen und sich verzetteln, er wird weiterhin versuchen der Sache auf den Grund zu gehen, die Lehrmeinungen in Frage zu stellen, aber nun nicht aus Protest, sondern zielgerichtet, verantwortungsvoll. In jedem Sulfuriker steckt ein Albert Einstein, bereit Altes über Bord zu werfen und Neues aus dem Chaos zu schöpfen.
Dazu ist es außerdem notwendig fremde Meinungen und Autoritäten zu akzeptieren, aus ihnen die bestmögliche Information herauszuholen. Es gilt nicht nur selbst Fehler einzugestehen, sondern auch Irrtümer in der eigenen Meinung auf diese Weise zu entdecken und zuzugeben. Sulfurische Menschen können die Angewohnheit haben an falschen Meinungen festzuhalten, nicht zu wanken, weil sie das als Stärke ansehen. Nun sollten sie erfahren, dass Irrtümer einzugestehen der eigentliche Ausdruck von Stärke ist. Dazu kann es nötig sein das Kind dafür zu loben, wenn es bereit ist seine Meinung zu ändern und es nicht deswegen auszulachen.
Wenn wir mit dem sulfurischen Kind zusammen diese ersten Hilfestellungen und Unterstützungen gut gemeistert haben, es nun weiß, wie man wirklich lernt, dann wird es in der Lage sein bei einem Thema in die Tiefe gehen. Nun aber droht eine neue Gefahr. Nämlich die, dass wir aus unserem Sprössling einen zukünftigen "Fachidioten" machen, einen der sich nur in einem Gebiet auskennt, der kontaktlos in die Tiefe bohrt und jenseits aller Ethik und konstruktiven Moral forscht. Um das zu verhindern ist es erforderlich das Gefühlserleben von Anfang an mitwachsen zu lassen. Hier kommt die Mutter auf den Plan. Denn sie ist in der Regel auch die, die den Sulfuriker zum Verstummen bringen kann, so dass er über diese innere Welt nicht mehr spricht und sich alles im Kopf abspielt. Dazu, zur Erklärung, die Aussage eines Patienten (Homöopathische Einblicke Heft 30):
"Ich bin traurig über etwas, das ich den Tag über getan habe und liege im Bett. Ich bin sechs oder acht Jahre alt, meine Mutter sitzt auf dem Bett und sagt, ich solle ihr vertrauen und ruhig sagen, was mich bedrückt. "Es kann doch nichts so schlimm sein, als dass Du es nicht erzählen kannst!" Ich habe Vertrauen und sage es ihr. Sie wird sehr böse und schimpft mit mir."
Auch hier begegnen wir wieder dem Grundproblem des sulfurischen Menschen. Wenn sie etwas zugeben, werden sie bestraft. Wenn sie Gefühle zeigen, werden sie bestraft, werden ausgelacht oder aufgezogen. Die Welt der Gefühle eines Sulfurikers gleicht der einem zarten Elfentanz auf einer Waldlichtung. Störungen von "groben" Menschen, die aus dem Dickicht stürmen, erschrecken sie und sie werden sich nie wieder zeigen. Sie brauchen einen sicheren Schutzraum, jemanden, dem sie ihre Verletzbarkeit anvertrauen können und der darüber schweigt, um die Sensibilität weiß und sein Mitfühlen zum Ausdruck bringen kann. Auf diese Weise lernt er seinen Gefühlen zu vertrauen und sie mit in sein Handeln einzubeziehen.
Leider können Sulfuriker nicht nur ihre eigene Schwäche schwer ertragen, sondern auch die der anderen nicht. Von daher ist es durchaus möglich, dass in der Familie vielleicht gerade die Mutter diejenige ist, die diese Gefühlsduselei ihres Kindes schwer annehmen kann. Hier liegt ihre Aufgabe sich an eigene Verletzungen zu erinnern und sich bei einem Vertrauensbeweis von Seiten ihres Kindes erst einmal zu fragen: Wenn du das als Kind gesagt hättest, wie hättest du dir die Reaktion deiner Mutter gewünscht? Die Antwort darauf zeigt meist den richtigen Weg.
Wenn die Gefühlswelt mitwachsen darf, dann brauchen sie sicht nicht mehr nur für kurze Zeit einer anderen Person zu öffnen um dann wieder die Flucht zu ergreifen. Sie können sich anderen anvertrauen ohne die Angst, dass der andere nun Macht über sie haben könnte. Für ihre Arbeit, für ihren Geist bedeutet das, dass nun auch hier die Liebe und die Umsicht einziehen darf, damit sie nicht mehr wie der Dr. Faust einen Pakt mit dem Teufel schließen müssen. Und für das Miteinander, für ihre Beziehungen kann es bedeuten, dass sie sich nun nicht mehr mit ihrem Egoismus hervortun müssen, dass sie spüren, dass sie so wie alle sind und doch etwas Besonderes.
Beim sulfurischen Kind wird das Thema der Strafe besonders deutlich. Zum einen fordern sie durch ihren unermüdlichen Forschergeist geradezu ein Grenzsetzung heraus, die bei einer Übertretung auch geahndet werden muss. Folgen den Übertretungen keine Konsequenzen, dann verliert sich das Kind im Strukturlosen. Es wird dann zwar weiterhin sehr neugierig sein, aber auch zunehmend an Respektlosigkeit gewinnen und letztendlich nicht mehr wissen, wie und wann man sich seine eigenen Grenzen setzt, sie erkennt und ergebnisreich arbeitet. Andererseits darf man ein sulfurisches Kind niemals bestrafen, wenn es über seine Gefühle spricht und das auch dann nicht, wenn man dadurch Geheimnisse erfährt, die Grenzüberschreitungen beinhalten.
Um dem Sulfuriker bei dieser Entwicklung noch zusätzlich eine Hilfe zu geben, kann es sinnvoll sein ihnen Märchen wie "Des Kaisers neue Kleider" und "Des Teufels rußiger Bruder" vorzulesen oder mit ihnen zusammen später Bücher von Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu lesen und damit herumzuträumen.
Sulfurische Menschen sind immer bereit für einen Paradigmenwechsel, für neue Ideen und Erkenntnisse. In ihnen wohnt das Gute und das Böse dicht beieinander. Das Böse in ihnen aber kann auch dem Guten dienen, indem es Altes über Bord wirft und nicht wie sonst sinnlos zerstört. Sie können in höchstem Maße Verantwortung übernehmen, nicht nur für sich selbst sondern auch für andere.
Anhang
Sulfur ist eine wichtige Arznei, wenn durch die Unterdrückung von Hautausschlägen, wie z. B. Neurodermitis und andere neue, lebenseinschränkendere oder bedrohliche Krankheiten wie z. B. Asthma entstehen. In diesen Fällen wird eine Gabe Sulfur den Patienten in den alten Zustand zurückversetzen, das heißt, seinen Hautausschlag wieder zum Vorschein bringen. Erst dann kann man sich auf die Suche nach der richtigen homöopathischen Arznei begeben.