Bönninghausens Repertorium der homöopathischen Arzneimittel !!Gebraucht!!
von Bönninghausen / Kastner
Vorwort:
Vorrede Bönninghausens zum "Therapeutischen Taschenbuch 1846"
Über fünfzehn Jahre sind verflossen, als ich zuerst diejenige Form eines "Repertoriums der homöopathische Arzneien" einführte, welche sich entweder in meinen ursprünglichen Ausgaben, oder in den, nach meinem Muster bearbeiteten und im Wesentlichen unveränderten Handbüchern unsers fleissigen Jahr einer grossen Verbreitung erfreut und eben dadurch ihre Brauchbarkeit bewährt hat.
Ein eben so langer, ununterbrochener Gebrauch war mehr, als hinreichend, über die Vortheile und Mängel derselben zu urtheilen, und dass noch bis zur neuesten Zeit herab ähnliche Werke erscheinen und reichlichen Absatz finden, beweiset zur Genüge, dass dem Bedürfniss derselben noch immer nicht hinreichend abgeholfen ist.
Es liegt wohl ausser allem Zweifel, dass das fleissige und umsichtige Studium der reinen Arzneimittellehre durch kein Repertorium, es möge sein, welches es wolle, vollständig ersetzt werden kann. Auch ist Nichts weniger jemals meine Absicht gewesen, als Jene entbehrlich zu machen; vielmehr halte ich sämmtliche Werke, die solches bezwecken, für unbedingt schädlich. Dagegen lässt sich eben so wenig in Abrede stellen, dass der homöopathische Arzt sich nur in den, ihm oft sparsam genug zugemessenen Mussestunden solchem Studium widmen kann, in der Praxis aber irgend einer abgekürzten, leicht übersichtlichen und das Charakteristische hervorhebenden Zusammenstellung der Symptome bedarf, um seinem Gedächtnisse zu Hülfe zu kommen, damit er im Stande seie, bei jedem konkreten Krankheitsfalle unter den im Allgemeinen indizierten Mitteln das homöopathisch passendste Heilmittel mit Sicherheit und ohne zu grossen Zeitverlust zu finden.
Die Mängel der seitherigen Repertorien haben, meines Erachtens, ihren Grund hauptsächlich darin, dass die Bearbeitung derselben sich auf dasjenige beschränkte, was in der reinen Arzneimittellehre vorlag, verbunden mit den, allerdings vorher sorgfältig geprüften Ergebnissen der Praxis, niemals aber die Gesammtheit beider benutzt wurde, um zur Werthbestimmung Jedes Symptoms, zur Ergänzung der Unvollständigen unter ihnen und zur Ausfüllung zahlreicher, dem Praktiker jeden Augenblick aufstossenden Lücken Anleitung zu geben.
Wenn eine Menge von Symptomen dadurch unvollständig wird, dass entweder die genaue Angabe des Körpertheils, oder jene der Empfindungen, am häufigsten aber die der Verschlimmerung oder Besserung durch Zeit, Lage und Umständen dabei vermisst wird: so werden die Schwierigkeiten der richtigen Auffassung und Erkenntniss ihrer Werthe für den Heilbedarf dadurch noch um so mehr erschwert, dass das Charakteristische sich nie in einem einzelnen, auch noch so vollständigen Symptome ausspricht, dass die Individualität des Prüfenden durchgängig auf die Prüfungen einen bedeutenden, leicht irreleitenden Einfluss übt, dass überdem, neben manchen Wechselwirkungen untergeordneten Ranges, auch Nachwirkungen mit unterlaufen, und dass überhaupt der Werth oder Unwerth der meisten Zeichen erst durch mühsame Vergleichung des Ganzen, niemals aber ohne Vorstudium im Augenblicke selbst, wo man dessen bedarf, aus der blossen reinen Arzneimittellehre beurtheilt werden kann.
Eine unausbleibliche Folge hiervon war deshalb bei der alten Einrichtung der Repertorien einerseits die Zerstreuung vieler, mehr oder weniger wichtiger Zeichen unter verschiedenen Rubriken, welches die Auffassung der Gesammtheit erschwert, anderseits eine Unzahl von Lücken, zu deren Ausfüllung jede Grundlage fehlte, worauf die Analogie hätte fussen können.
Diese Unsicherheit und Unvollständigkeit bei aller Weitläufigkeit, welche jedem Homöopathen zur Genüge bekannt ist, veranlasste mich seit mehren Jahren, eine Einrichtung zu suchen, welche die vorerwähnten Mängel wenigstens in so weit beseitigte, als solches noch dem bisherigen Stande unserer Wissenschaft möglich war, und ich muss es dankbar den Manen meines verewigten Lehrers und Freundes Hahnemann nachrühmen, dass er mich dabei in ununterbrochenem Briefwechsel mit trefflichem Rathe unterstützt hat.
Aus Scheu vor noch weiter getriebener Zertheilung der Symptome, als bisher geschehen und von mehren Seiten missbilligt war, ging anfangs meine Absicht dahin, die bisherige Form und Einrichtung meines ursprünglichen, von Hahnemann, seinen wiederholten Versicherungen gemäss, allen anderen vorgezogenen Repertoriums beizubehalten, dasselbe aber, ausser der Vereinigung in einem Bande, nicht nur in allen Theilen schärfer zu bestimmen, sondern auch sowohl aus der Analogie als aus der Erfahrung möglichst zu vervollständigen. Aber das, ungefähr zur Hälfte fertige Manuscript wuchs mir unter den Händen, weit über alle Erwartung, zu solchem Umfange heran, dass ich endlich um so mehr davon Abstand nahm, als ich einsah, dass höchst wahrscheinlich derselbe Zweck auf einfachere Art und dabei noch vollständiger zu erreichen war, wenn ich durch Hervorhebung des Eigenthümlichen und Charakteristischen der Mittel nach ihren verschiedenen Beziehungen einen Weg in das weite Feld der Combination eröffnete, welcher bisher noch nicht betreten war.
Um sicher zu sein, die homöopathische Literatur mit keinem unnützen Buche zu vermehren, musste jedoch erst die Erfahrung befragt werden, und nachdem diese während des Gebrauches einer ähnlichen, aber bloss auf die Polychreste beschränkten Anordnung sich über Erwarten günstig dafür ausgesprochen und eben so der verewigte Stifter der neuen Schute meine Idee eine "vortreffliche und überaus folgenreiche" genannt hatte, trug ich kein Bedenken mehr, dasselbe ganz auszuarbeiten, wie ich solches in der Gestalt des vorliegenden Taschenbuches, mit der Bitte um freundliche Aufnahme und um Nachsicht mit unvermeidlichen Mängeln und Irrthümern, dem homöopathischen Publikum übergebe.
Der Zweck dieses Taschenbuches ist ein zwiefacher, wie auf dem Titel angegeben, nämlich einmal, um am Krankenbette dem Gedächtnisse des Arztes bei der Wahl der Mittel zu Hülfe zu kommen, und andermal, um beim Studium der reinen Arzneimittellehre als ein Leitfaden zu dienen, vermittelst dessen man sich gehörig orientiren, über den grösseren oder geringeren Werth jedes Symptomes ein Urtheil fällen und diese selbst vervollständigen und schärfer bestimmen kann.
Bei der grossen Menge der, unter fast jeder Rubrik vorkommenden Mittel war es für beide Zwecke unerlässlich, durch Verschiedenheit des Drucks den verschiedenen Werth anzudeuten, wie in meinen früheren Repertorien geschah und welches Hahnemann wiederholt als ein nothwendiges Erforderniss bezeichnete. Demzufolge finden sich durchlaufend durch das ganze Werkchen unter den genannten Arzneien fünf durch die Schrift kennbar gemachte Rangordnungen, wovon die vier Wesentlicheren in der ersten Abtheilung (Gemüth und Geist) unter der Rubrik "Habsucht" sehr übersichtlich vorkommen und zum erklärenden Beispiele dienen mögen.
Das daselbst mit gesperrten Kursiv-Lettern gedruckte Wort P u l s. nimmt die oberste, ausgezeichnetste, am öftersten zutreffende Stelle ein. Darauf folgen in absteigender Rangordnung die mit einfachen Kursiv-Lettern gedruckten Wörter Ars. und L y c. als weniger ausgezeichnet, aber doch noch sowohl durch die Charakteristik der Mittel, als durch die Praxis vorzugsweise bewährt. Noch untergeordneteren Ranges sind die mit gesperrter Antiqua-Schrift gegebenen Wörter N a t r. und S e p. und auf der untersten Werthstufe steht hier C a l c., welches Wort mit nichtgesperrter Antiqua-Schrift gedruckt ist. Die fünfte, allerniedrigste Stelle nehmen die zweifelhaften, näherer Bestätigung bedürfenden, am seltensten vorkommenden Mittel ein, welche in Klammern eingeschlossen sind, wie S. 86 die Wörter: (Arg.) (Asar.) (Bism.) (Cic.) und einige folgende.
Es ist einleuchtend, dass die Bestimmung und Abgrenzung dieser Werthstufen, deren Anzahl zu vermehren weder zweckmässig noch leicht ausführbar schien, keine mathematische Genauigkeit gestatteten, ja nicht einmal das mehr oder weniger Hinneigen zu dem vorhergehenden oder dem folgenden Range anzudeuten, sondern nur so viel zu erreichen war, dass der Fehler unter dem einer halben Stufe blieb. Ohne die Anmassung zu haben, behaupten zu wollen, dass überall innerhalb der erwähnten Grenzen das Richtige getroffen sei, kann ich doch die Versicherung geben, dass kein Fleiss, keine Sorgfalt und Umsicht gespart wurde, um so viel als möglich Irrthümer zu vermeiden. Daher unterzog ich mich nicht allein der überaus langweilen Mühe der Correktur, sondern veranstaltete gleichzeitig für das Ausland eine englische und eine französische Ausgabe in der Weise, dass überall, wo die alphabetische Ordnung und der Vorrath von Typen es immer zulies, nur die Rubrikwörter ausgehoben und vertauscht wurden, der übrige, sorgfältig revidirte Text aber stereotypartig stehen blieb. Die englische Uebersetzung verdanke ich einem der ausgezeichnetsten, mit der englischen Literatur und Sprache vollkommen vertrauten deutschen Homöopathen, der jedoch nicht genannt zu sein wünscht. Die Französische ist von mir selbst, und wenn namentlich in dieser hie und da Verstösse gegen den Genius der nicht sehr wortreichen französischen Sprache vorkommen, so darf ich wohl als Ausländer auf billige Nachricht Anspruch machen. - Wie schwierig übrigens die Correktur selbst war, davon zeugt der sechste Bogen, welcher einer nöthigen Reise wegen von einem ändern Correktor besorgt wurde, und worin namentlich mehre versetzte, übrigens keinen Zweifel lassende Buchstaben übersehen sind. Die wenigen irreführenden Druckfehler oder Auslassungen ganzer Wörter sind am Schlüsse angezeigt.
Die Einrichtung des Werks ist leicht zu übersehen und es bedarf deshalb hier nur weniger Erläuterungen und Bemerkungen. Es zerfällt in s i e b e n , deutlich und bestimmt von einander geschiedenen Abtheilungen und in jeder derselben ist so viel möglich, um das Nachschlagen zu erleichtern, die systematische Ordnung mit der alphabetischen Reihenfolge verbunden. Obwohl jede Abtheilung als ein für sich abgeschlossenes Ganze zu betrachten ist, so gibt sie doch jedesmal nur einen Theil eines Symptoms, welches seine Vollständigkeit erst durch ein oder mehrere der ändern Abtheilungen erhält. Beim Zahnweh z. B. findet sich der Sitz des Schmerzes in der zweiten Abtheilung, die Art des Schmerzes in der Dritten, die Erhöhung oder Linderung nach Zeit, Lage und Umständen in der Sechsten, und was sonst als Nebenzeichen zur Vollendung des Krankheitsbildes und zur Sicherung der Wahl des Heilmittels nöthig ist, lässt sich eben so in den verschiedenen Abtheilungen nachschlagen.
Zur e r s t e n A b t h e i l u n g ist insbesondere zu erwähnen, dass einestheils unsere reine Arzneimittellehre nirgends mehr Nachwirkungen enthält, als unter den Symptomen des Gemüths, und dass anderntheils die meisten nachgehenden Homöopathen diesen Theil eines vollständigen Krankheitsbildes am öftersten zu übersehen pflegen, oder Fehlgriffe machen. Ich hielt es daher für angemessen, hier nur das Wesentlichste und Vorherrschende unter möglichst wenigen Rubriken zusammenzuziehen, um das Auffinden zu erleichtern. Auch die Rubrik "Verstand" konnte bedeutend vereinfacht werden, weil viele Zeichen (z. B. Wahnsinn durch die verschiedene Gemüthsbeschaffenheit), anderweitig ihre genauere Bestimmung erhalten.
In der z w e i t e n A b t h e i l u n g, "Körpertheile und Organe", ist eben so zusammengezogen, was zusammenzuziehen war, weil der Tendenz des ganzen Werks gemäss das Eine durch das Andere seine nähere Bestimmung erhalten soll; dagegen wird man darin mehre, in der Praxis wichtig befundene Zeichen (z. B., am äusseren Kopfe, Angesicht, Husten) angeführt finden, welche man in andern Schriften vergeblich suchen wird. Uebrigens dient diese Abtheilung im Wesentlichen dazu, anzugeben, welche Arzneien in höherem oder niederem Grade auf die verschiedenen Körpertheile und Organe einwirken, und nur bei einzelnen Organen sind einige andere Zeichen angegeben, die sich blos auf diese beschränken und anderwärts keine passende Stelle finden.
Die d r i t t e A b t h e i l u n g enthält in alphabetischer Ordnung die sämmtlichen Empfindungen und Beschwerden, und zwar 1) in Allgemeinen, dann insbesondere 2) an den Drüsen, 3) an den Knochen und 4) an der Haut und dem Aeusseren, und soll eben so das mehr oder weniger Charakteristische in der Art der Beschwerden wie die Vorhergehende den betroffenen Körpertheil, darstellen.
Die v i e r t e A b t h e i l u n g handelt vom Schlafe und von den Träumen, so wie die F ü n f t e von den Fiebern, und zwar in beiden nur nach den wesentlichen und scharf ausgesprochenen Verschiedenheiten.
In Beziehung auf die zweite, vierte und fünfte Abtheilung ist insbesondere über die mehrmals vorkommende Rubrik: "Begleitende Beschwerden" folgende Erläuterung zu geben. Ueberzeugt von der Wichtigkeit der Zeichen, welche mit andern zusammentreffen und damit eine Symptomen-Gruppe bilden, sammelte ich seit vielen Jahren zu den, in der reinen Arzneimittellehre vorkommen Nebensymptomen alles dahin Gehörige, was fremde und eigene Erfahrung lieferte, und die Zahl derselben war dadurch so unglaublich angewachsen, dass ich im Stande war, daraus allgemeine Regeln zu abstrahiren. Diese ergaben nun mit grosser Sicherheit, dass das eine Mittel weit mehr, als das andere zu solchen vorher, während oder nachher erscheinenden Nebenbeschwerden geneigt sei, dass dann aber diese Letztern nicht ausschliesslich aus diesem oder jenem bestehen, sondern dass überhaupt jede Art von Beschwerde welche zum Wirkungskreis des Mittels gehört, obwohl die Charakteristischen öfterer als die Anderen, dabei als Begleiterin auftreten kann. Auf dieser, seit langer Zeit geprüften und durchaus richtig befundenen Wahrnehmung beruhet die Zusammenziehung der "Begleitenden Beschwerden" unter einer Rubrik, mit Andeutung der Rangordnung der Mittel, wie überall, durch die Verschiedenheit der Schrift, und wo solche zur Berücksichtigung kommen, müssen sie unter den Eigenthümlichkeiten der mehr oder weniger dabei konkurrierenden Mittel gesucht werden.
Die s e c h s t e A b t h e i l u n g, welche die Veränderungen des Befindens nach Zeit, Lage und Umständen enthält, steht an Wichtigkeit Keiner der Vorhergehenden nach, aber sie bedarf bei der Anwendung die meiste Vorsicht, Insbesondere hat man sich zu hüten, das für eine Verschlimmerung anzusehen, was eigentlich nur in der Nachwirkung (oder Wechselwirkung) des Mittels liegt, wenn es sich auch übrigens als eine Verschlimmerung des Befindens im Allgemeinen zu erkennen gibt. So ist z. B. der, bloss in der Morgenzeit eintretende Durchfall sehr oft durch B r y. zu heilen, obwohl Verstopfung und abendliche Verschlimmerung zur eigentlichen Erstwirkung dieses Mittels gehören. Solcher Erscheinungen, die man bei den Arzneiprüfungen mit den Namen "Nach- oder Wechselwirkungen" belegt, gibt es auch viele bei natürlichen Krankheiten, wo ein, dem eigentlichen Leiden entgegengesetzter, aber ebenfalls leidender Zustand eintritt, welcher den Unkundigen leicht zu einer falschen Mittelwahl verleiten kann. In anderer Hinsicht stehen die hier verzeichneten Bedingungen der Verschlimmerung oder Besserung in einer weit ausgedehnteren Beziehung zu dem Gesammtleiden und dessen einzelnen Zeichen, als gewöhnlich geglaubt wird, und beschränken sich niemals ausschliesslich auf das eine oder andere Symptom; im Gegentheile hängt sehr oft vorzugsweise von dieser die richtige Wahl des passenden Heilmittels ab. So reichte, - um nur ein Beispiel zu geben, - mein hiesiger Freund, der Dr. Lutterbeck, in meiner Abwesenheit einem meiner Patienten, die in solchen Fällen stets an ihn verwiesen werden, und den ich von einer sehr weit gediehenen Phthisis tuberculosa geheilt hatte, gegen einige noch bestehende Beschwerden, worunter namentlich eine unangenehme Glätte der Zähne mit vielem Schleime daran vorherrschte, und welches nach jedem Rasiren zwei Tage lang schlimmer wurde, mit dem entschiedensten und dauerhaftetesten Erfolge Carb. an. 30, obwohl das einzige Haut-Symptom des Gesichtes (152), wobei es Dr. Adams beobachtet hatte, gar nicht vorhanden und überhaupt dieses Verschlimmerungszeichen nicht einmal völlig konstatirt war. - Der erfahrene Homöopath wird daher leicht finden, dass ich dieser Abtheilung ganz besonderen Fleiss zugewendet und darin manches Selbsterprobte aufgenommen habe, was man in der reinen Arzneimittellehre und anderwärts vergeblich suchen wird.
Die s i e b e n t e und letzte A b t h e i l u n g gibt unter der Rubrik "Konkordanzen" die Resultate einer Vergleichung der Wirkungen sämmtlicher vorkommenden Arzneien untereinander, und zwar zuerst in Beziehung auf die hier vorgenannten und mit der jedesmal entsprechenden Ziffer bezeichneten Abtheilungen und am Ende (unter Ziffer VII) nach dem daraus gezogenen Mittel, überall mit Angabe der Rangordnung in gleicher Weise, wie in den vorhergehenden Abtheilungen. - Diese mühsame und grossen Zeitaufwand erfordernde Arbeit (welche indessen meine Bekanntschaft mit der reinen Arzneimittellehre bedeutend erweitert und berichtigt hat), lasse ich an die Stelle der früher (1836) von mir herausgegebenen "Verwandschaften" treten, welche damals freilich noch mangelhaft genug waren, deren Nutzen aber mein Rezensent (Hygea IV. S. 369 ff.) im Widersprüche mit sich selbst nachträglich dadurch anerkannt hat, dass er sie in seinem "Handbuche der homöopathischen Arzneimittellehre" (Leipzig bei S c h u m a n n) mit allen Mängeln und Irrthümern und wenigen, grösstentheils fehlerhaften Zusätzen, wörtlich abschrieb, ohne die früher verhöhnte Quelle zu nennen, woraus er solche geschöpft hatte. Ich darf daher hoffen, dass Niemand diese Abtheilung in dieser verbesserten Gestalt und möglichst von Irrthümern gereinigt, als unnütz und überflüssig ansehen wird. Für mich selbst, der ich seit 15 Jahren die reine Arzneimittellehre, als einen der wesentlichsten Theile der Homöopathie, zu meinem Hauptstudium gemacht habe, waren diese Konkordanzen von der entscheidensten Wichtigkeit, sowohl zur Erkenntniss des Genius der Arzneien, als auch der Prüfung und Sicherung der Wahl und zur Bestimmung der Aufeinanderfolge der verschiedenen Mittel, namentlich in chronischen Krankheiten. Freilich ist dazu erforderlich, dass man in der reinen Arzneimittellehre schon ziemlich bewandert ist, aber es erleichtert für den Anfänger gar sehr den Gebrauch dieser Konkordanzen, dass die symptomenreichen Polychreste, wie natürlich, die meisten Berührungspunkte darbieten und daher eine genauere Kenntniss dieser Letzten ihn schon in den Stand setzt, sich ihrer leicht und mit grossem Nutzen zu bedienen.- Am Schlusse sind mit A n t i d . die bekannten Antidote, und mit N o c . die schädlichen Mittel angegeben. Ich bemerke noch, dass auch jetzt dieselben Gründe, welche mich im Jahre 1835 veranlassten, ausser Osmium noch manche andere Mittel auszuschliessen, fortbestehen und dass ich nicht gern Sicheres und Erprobtes mit Zweifelhaftem und Unbewährtem vermengen mochte.
Für die Anfänger in der Homöopathie dürfte es noch erforderlich sein, über den Gebrauch dieses Taschenbuches, welches hauptsächlich für sie bestimmt ist, einige Worte zu sagen, und zwar in bezug auf den zwiefachen, oben erwähnten Zweck desselben.
Beim Studium der reinen Arzneimittellehre habe ich es am einfachsten und förderlichsten gefunden, nach der Ordnung dieses Taschenbuchs jedesmal alle, durch die oben erläuterte Auszeichnung des Drucks bezeichneten charakteristischen Zeichen, am besten in den Originalwerken, sonst aber auch in meinem oder einem ändern Repertorium etwa mit Blei zu unterstreichen und die fehlenden nachzutragen, was wenig Zeit und Mühe kostet und dann eine leichte Uebersicht gewährt, welche nach Maassgabe weiterer Erfahrungen immer mehr vervollständigt werden kann. In solcher Weise erlangt man nicht nur eine gründliche Kenntniss von den wichtigsten Zeichen und von dem Genius jedes Mittels, sondern auch eine bleibende schriftliche Sammlung des Wissenswerthesten, welche sich bei der Bearbeitung dem Gedächtnisse tief einprägt, später aber bei verwickelten Fällen nachgesehen werden kann und dann nicht selten zu einer richtigen Wahl die erheblichsten Dienste leistet.
Beim Gebrauche am Krankenbette hängt sehr viel davon ab, ob Jemand noch ganz und gar Anfänger, oder schon mehr oder weniger in der Homöopathie bewandert und eingeübt ist. Wo Einer noch gar nichts weiss, da ist er freilich genöthigt, Alles ohne Ausnahme mühsam nachzuschlagen. Je mehr er weiss, desto weniger hat er noch zu suchen und braucht am Ende nur hier oder da seinem Gedächtnisse zu Hülfe zu kommen. Ein Beispiel dürfte dies am besten erläutern und ich wähle zu dem Ende ein Krankheitsbild aus meiner jüngsten Praxis, wofür die Mittelwahl zwar nicht schwierig und anfangs sehr leicht schien, aber bei mangelnder Aufmerksamkeit doch auch zu verfehlen war und welches manchem angehenden Homöopathen nebenbei dazu dienen kann, sich selbst über das Maass seines Wissens zu prüfen.
E. N. aus L., ein Mann von einigen 50 Jahren, blühender, fast allzurother Gesichtsfarbe, in der Regel heiteren, bei den heftigem Anfällen aber zu Zornesausbrüchen geneigten Gemüths mit deutlich nervöser Aufgeregtheit, leidet schon seit einem Paar Monaten, - (nach vorgängiger allopathischer Vertreibung eines sogenannten rheumatischen Schmerzes der rechten Augenhöhle durch äussere Mittel, welche nicht zu erfahren waren,) - an einer eigenen Art von heftigen Schmerzen am rechten Unterschenkel, welche die sämmtlichen Muskeln der hintern Seite, namentlich die Wade bis zur Ferse herab, jedoch nicht die Gelenke des Knies oder Unterfusses ergreifen. Den Schmerz selbst beschreibt er als ein Reissen, oft von Stichen unterbrochen, die von Innen nach Aussen gehen, in der Morgenzeit aber, wo der Schmerz überhaupt viel erträglicher ist, dumpf wühlend und wie zerschlagen. Die Schmerzen verschlimmern sich gegen Abend und in der Ruhe, besonders, nach vorgängiger Bewegung, im Sitzen und Stehen , und namentlich wenn er dies bei einem Spaziergange im Freien thut. Während des Gehens selbst springt der Schmerz oft plötzlich von der rechten Wade in den linken Oberarm, und wird dann am unerträglichsten, wenn er die Hand in die Rocktasche oder in den Busen steckt und den Arm ruhig hält, während er durch Bewegung des Arms gelindert wird und davon oft plötzlich zur rechten Wade zurückkehrt. Die meiste Erleichterung gewährt auf und ab Gehen in der Stube und Reiben des leidenden Theils. Die Nebenbeschwerden bestehen in Schlaflosigkeit vor mitternacht, abendlichen, öfters wiederkehrenden Anfällen von schnell überlaufender Hitze mit Durst, ohne vorgängiger Frost, widrigfettigen Mundgeschmack mit Übelkeit im Halse und in einem, fast beständigen, drückenden Schmerze in dem untern Theile der Brust und in der Herzgrube, als wenn sich daselbst etwas heraussprängen wollte.
Jeder tüchtige, mit den Wirkungen seiner Heilmittel vertraute Homöopath wird bei einem so vollständigen und genauen Krankheitsbilde über die hier hülfreiche Arznei nicht lange in Zweifel stehen, indem die Gesammtheit der Zeichen nur einer derselben durchaus homöopathisch entspricht, während der Anfänger sich genöthigt sehen wird, fast jedes Zeichen nachzuschlagen und erst nach langem Suchen die Angemessenste unter den konkurrierenden Mitteln findet. Zwischen diesen beiden Extremen von Wissen und Nicht-Wissen liegen zahlreiche Stufen von Halb-Wissen, welche das Nachschlagen öfterer oder seltener nöthig machen.
Der Eine, z. B., weiss, dass die schnell überspringenden Schmerzen von einem Theile auf den Ändern, die gegen Abend und in der Ruhe schlimmer sind, dabei der fettige Mundgeschmack, die Schlaflosigkeit vor Mitternacht und noch einige andere der angeführten Symptome vorzugsweise der Wirkung der P u l s a t i l l a angehören, ist aber nicht sicher, ob auch die übrigen Zeichen zutreffen, und wird, wenn er gewissenhaft verfahren will, sich der Mühe nicht überheben, auch diese letztern zu vergleichen. Dann aber wird er bald einsehen, dass die P u l s a t i l l a in der That das rechte homöopathische Heilmittel nicht sein kann, weil ausser den Gemüths-Symptomen auch noch mehre Andere gar nicht in Aehnlichkeit zutreffen, oder gar mit denen dieser Arznei im Widerspruche stehen.
Ein Anderer hat mehr die Eigenthümlichkeit der Schmerzen studirt und erinnert sich deutlich, dass die C h i n a den lähmigen und Zerschlagenheits-Schmerzen, so wie dem klammartigen, zuckenden Reissen und den Stichen von Innen nach aussen vorzugsweise entspricht, und dass auch Schmerzen dabei vorkommen, die von einem Theile auf den ändern überspringen. Er glaubt überdem zu wissen, dass auch andere Zeichen, wie die Schlaflosigkeit vor Mitternacht, die Verschlimmerung in der Ruhe, so wie die Besserung durch Bewegung und Reiben, nebst der fliegenden Hitze mit Durst zutreffen; aber von dem Uebrigen weiss er es nicht, und muss also nachschlagen. Da wird er nun sehr bald, eben so wie der Vorige, auf Widersprüche stossen, welche ihm die Unangemessenheit der China für den vorliegenden Fall deutlich zu erkennen geben.
Keinem von beiden wird es nun noch einfallen, dem Kranken versuchsweise ein Mittel zu reichen, dessen Heilkraft in diesem Falle so unwahrscheinlich ist, sondern als gewissenhafter homöopathischer Arzt weiter forschen und vergleichen, und mit Hülfe dieses Taschenbuchs ohne grosse Mühe bald das einzige, hier wahrhaft homöopathisch angezeigte Heilmittel finden.
Wenn aber ein Dritter in der Homöopathie bewandert genug ist, gleich von vorn herein die Gegen-Anzeigen von P u l s.,
C h i n. und anderen konkurrirenden Arzneien zu erkennen, die den Hauptzeichen entsprechende V a l e r i a n a aber nicht hinlänglich kennt, um seiner Sache mit diesem, seltener anwendbaren Mittel völlig sicher zu sein, so wird schon ein schnelles Aufsuchen einiger zweifelhaften Zeichen hinreichen, ihm bald die Ueberzeugung zu gewähren, dass diese Arznei unter den Bekannten die hülfreichste sein müsse, wie auch der Erfolg bestätigte, indem nach einer einzigen, hochpotenzirten, ungemein kleinen, in Wasser aufgelöst genommenen Gabe binnen dreien Tagen das ganze Leiden mit sämmtlichen Nebenbeschwerden völlig gehoben war. Ein Halbwissser aber, welcher bloss in den Quellen nachschlagen will und jede Art von Repertorium verschmäht, wird nicht leicht darauf kommen, dieses nur selten für ähnliche Beschwerden gebräuchliche Heilmittel im zweiten Bande des Archivs nachzusuchen, und vorher wenigstens mit der Vergleichung anderer, häufiger vorkommenden Arzneien viel Zeit und Mühe verschwenden, die nützlicher anzuwenden war. Und wenn er nun doch endlich darauf gekommen ist, so wird er selbst hier auf Anstände und Zweifel treffen, die für den Uneigeweihten, ohne andere Hülfsmittel, nicht so leicht zu überwinden sind, weil die meisten der hier zur Anwendung kommenden Symptome einer grösseren oder geringeren Vervollständigung aus der Charakteristik des Mittels erfordern, um genau zu passen, und, ausser mehren Druckfehlern in den Anmerkungen, viele Nachwirkungen, die nicht als solche bezeichnet und nicht leicht zu erkennen sind, die Unsicherheit vermehren.
Bei weitem schwieriger noch ist ohne Repertorium für den nicht bewanderten Homöopathen die Heilung von Krankheiten mit wenigen Symptomen, wofür sehr viele Mittel konkurrieren. So grassirt z. B. hier und in der Umgegend unter den Kindern gegenwärtig ein bösartiger Keuchhusten, welcher zu Anfange nur ausnahmsweise die bekannten Indikationen für D r o s., niemals die für die übrigen gewöhnlichen Keuchusten-Mittel darbot. Indessen war gleich bei den erkrankten Kindern eine auffallende Aufgedunsenheit und Geschwulst, nicht so sehr des Gesichtes, als besonders gleich über den Augen, zwischen den Liedern und Brauen, bemerkbar, wo es häufig wie ein dickes "Säckchen" heraustrat, ein Symptom, welches bisher noch von keinem anderen Mittel, als allein von K a l i. c a r b . (219) beobachtet ist, und in der That war im Beginne der gegenwärtigen Epidemie diese Arznei das einzige, schnell und dauerhaft helfende Heilmittel. Nur in der letzten Periode ging dieselbe Krankheit in eine andere Form über, welche durch den kalten Stirnschweiss beim Erbrechen in den Anfällen V e r a t r. a l b. verlangte.
Es ist hier der Ort nicht, über die Grosse und Wiederholung der Gaben, worüber ausserdem die Akten noch nicht geschlossen sind, ausführlich zu reden. Dennoch kann ich mich nicht enthalten, mit Hinweisung auf dasjenige, was ich darüber im "Neuen Archiv für die homöopathische Heilkunst" gesagt habe, die Versicherung zu geben, dass meine Erfahrungen sich fortwährend aufs Entschiedenste für die "Hochpotenzen", für sehr langes Wirkenlassen und gegen die Wiederholungen ohne Zwischenmittel aussprechen. Selbst bei Knochenleiden, wie z. B. Krümmungen des Rückgrats und Auswachsen von Schultern oder Hüften, habe ich nach Hochpotenzen in so kurzer Zeit die vollständigsten Heilungen erfolgen sehen, wie niemals früher bei Anwendung tieferer Dynamisationen. Ich kann daher aus meiner ziemlich ausgedehnten Praxis nur bestätigen, was unsere ächt-hahnemannischen Koryphäen darüber mitgetheilt haben, und ich bin mit meinen Resultaten seit zweien Jahren, wo ich fast nur "Hochpotenzen" reiche, noch weit besser zufrieden, als früher, obwohl der bei Weitem grösste Theil meiner Patienten von der Art ist, wie sie so häufig aus den Händen der Allöopathen in die Unsrigen gelangen.
Schliesslich empfehle ich dieses Werkchen, als die Frucht einer beinahe dreijährigen Arbeit, einer gründlichen und vorurtheilsfreien, aber freundlichen Prüfung, und mich selbst dem Wohlwollen aller derjenigen, welche nur das Gute wünschen und mit mir den festen Entschluss gefasst haben, den ganzen noch übrigen Rest ihres Lebens der Homöopathie und der leidenden Menschheit zu widmen.
Münster im October 1845. C. v. Bönninghausen