Klinische Materia Medica in der
Tiermedizin
von Borschel G.
Vorwort:
Die Auffindung des geeigneten Simile ist in der Homöopathie nicht nur für den Anfänger, sondern auch hin und wieder für erfahrene Homöopathen oft mit Schwierigkeiten verbunden. Die in den verschiedenen Materia Medica-Büchern aufgeführten Merkmale, Wesensarten, Gemütserscheinungen usw. spiegeln letztlich doch auch Eigenarten, Gemütsverfassungen, Umgebungseinflüsse usw. der Probanden wieder und nun gilt es zu differenzieren und abzuwägen, welche Merkmale 1., 2. oder 3. Grades sind. Keine Materia Medica beansprucht für sich, im Besitz der Hundertprozentigkeit zu sein und sie kann es auch nicht. Daher ist jede Materia Medica als Leitfaden oder Richtungsweiser anzusehen für Variationseigenschaften, die es nun ins rechte Licht zu setzen und auf den vorliegenden Fall abzustimmen gilt. Außerdem spielt noch ein gerüttelt Maß von Erfahrungen eine entscheidende Rolle, die leider zu oft unterschätzt wird. Materia Medica plus Erfahrung vermindert homöopathische Fehldiagnosen. Diese Dinge waren mir schon zu Beginn meiner homöopathischen Tätigkeit klar, weshalb ich mich bei homöopathischen Fortbildungskursen immer in der Nähe alt erfahrener Homöopathen aufgehalten habe, um beim abendlichen gemütlichen Zusammensein aus deren Erfahrungsschatz zu schöpfen, was sich auch immer gelohnt hat. Daher möchte ich diesen Rat auch allen Anfängern geben.
Das Studium der Materia Medica muß sein und es gibt keinen Weg, dies zu umgehen. Man muß sich aber auch über den Wert einer Materia Medica im klaren sein, denn sowohl eine Überbewertung als auch eine Unterbewertung wird in die Irre führen, wodurch es immer wieder zu Mißerfolgen kommt und der Therapeut dann an der Homöopathie und an sich selbst zu zweifeln beginnt. So wenig es am Computer liegt, wenn falsche Eingaben vorgenommen werden, so wenig liegt es auch an der Homöopathie, wenn die verkehrten Knöpfe gedrückt werden.
Ein anderer Punkt ist, daß nun ein Anfänger meint, nachdem er sich für die Homöopathie entschieden hat, sein ganzes schulmedizinisches Wissen und den ganzen Erfahrungsschatz über Bord werfen zu müssen. Solche Handlungsweise führt leicht zum Homöopathie-Fetischismus und der ist nicht nur für den Patienten und Therapeuten unerfreulich, sondern ausgesprochen schädlich für die gesamte Homöopathie.
Wie gesagt: Der richtige Gebrauch der Materia Medica plus ein gerüttelt Maß an Erfahrung sind eine Kombination, die allzu häufige Mißgriffe vermeiden hilft. Materia Medica-Werke gibt es genug, und deshalb habe ich mich in diesem Buch: "Bewährte Homöopathica in der Tiermedizin" dazu ent-schlössen, den anderen Bereich: homöopathische Erfahrung plus Schulmedizin miteinander zu verbinden. Denn oft genug bin ich von Kollegen gefragt worden, wie sich klinische Diagnosen, die sie nun doch nicht negieren könnten, mit der Materia Medica verbinden lassen, zumal sich in der Veterinärmedizin die Merkmale in der Materia Medica nur schlecht auf die Tiere übertragen ließen. Für solche Argumente habe ich vollstes Verständnis, denn es ging mir in meiner Anfangszeit um keinen Deut besser.
Es ist in der Tat so, daß in der Veterinärmedizin vielfach Schwierigkeiten bestehen, Humanmerkmale in der Materia Medica auf Tiere zu übertragen, und so ist es denn oft den Erfahrungen älterer Kollegen zu verdanken, diese Dinge im rechten Licht zu sehen. Tiere können uns keinen verbalen Vorbericht geben, so daß wir auf die hin und wieder zwar gutgemeinten, aber doch manchmal tendenziösen Schilderungen der Besitzer angewiesen sind. Sicher, die Tiere können nicht reden, aber sie können uns auch nicht belügen. Dagegen haben die Tiere ihre eigene Sprache und was sie uns durch ihr Erscheinungsbild, Benehmen, ihre Gebärden usw. anzeigen, ist wahrheitsgetreu und voll verwertbar. Hier ist es dann angebracht, diese Dinge richtig zu deuten und mit der Materia Medica zu vergleichen. Ältere Kollegen, die jahrzehntelang mit Tieren zu tun hatten, verstehen deren Krankheitsbeschreibungen sehr gut, und dieses Wissen ist es dann auch, das sie befähigt, homöopathische Arzneimittelbilder gezielter zu interpretieren.
Um nun eine Brücke von der Schulmedizin zur Homöopathie zu schlagen, so ist die Gliederung in diesem Buch nach klinischen Diagnosen und Symptomen geordnet, um an Hand dieser Diagnosen in Frage kommende Homöopathica aufzuzeigen, die sich auf Grund von Erfahrungen immer wieder bestätigt haben.
Dieses Buch ersetzt keineswegs den Gebrauch der Materia Medica und soll es auch nicht. Vielmehr soll es anregen, in der Materia Medica weiter Symptome zu vergleichen, um dann auch zum richtigen Arzneimittel zu kommen. Viele in diesem Buch aufgeführten und in Frage kommenden Homöopathica können schon allein das richtige Arzneimittel sein, aber es gibt natürlich auch Fälle, in denen weitergesucht werden muß, um zum Simile zu gelangen. Kein homöopathisches Buch, welcher Art auch immer, sollte den Alleinvertretungsanspruch erheben, so auch dieses.
In der Homöopathie und besonders in der Veterinär-Homöopathie können bewährte Erfahrungen von großem Nutzen sein. Wenn man bedenkt, daß nicht nur in der Schulmedizin, sondern auch in der Homöopathie, ganz zu schweigen von der Veterinär-Homöopathie, noch vieles im Dunkeln liegt, dann sind die Leuchttürme der Erfahrung Positionslichter, die man tunlichst nicht übersehen sollte, sondern versuchen muß. mit deren Hilfe tiefer in das Reich der Nichtstofflichkeit vorzudringen, um bisher Unbekanntes aufzuklären und nutzbringend für Mensch, Tier und Pflanze zu verwenden.
Bebra, April 1998